Das Hümmlingdorf Wahn im Emsland – Rückblick auf ein langes Wochenende im Februar 2026

Da stehen wir also, irgendwo im Nirgendwo, und tatsächlich auch im Schnee. Wobei im Nirgendwo ist nicht ganz richtig, denn dieses Areal, auf dem wir genächtigt haben, bewahrt eine lange Geschichte.

Was wir bis hierhin dazu herausfinden konnten:

Einst standen in dem Gebiet (Sögel) Häuser und Bauernhöfe, eine Gaststätte sowie ein Sägewerk, wie die Beschilderung im Wald aufzeigt. Hier spielte und tobte das Leben von etwa 1000 Einwohner. Sogar der Grundriss einer alten Kirche lässt sich hier entdecken. Deren Geschichte ist ebenfalls interessant.

Das Hümmlingdorf wurde erstmals erwähnt als „Walinoon“ in der Heberolle, dem Einkünfteregister des Kloster Corvey. Dieses spiegelt die Besitzsituation des Klosters um das Jahr 1000. Wahn gehört somit zur ältesten „mittelalterlichen“ Siedlungsgeschichte des Emslandes.

Es ist bekannt, dass sämtliche spätere Kirchenbauten auf ehemals heidnische Opferplätze gesetzt wurden, und das diese Plätze in ihrer Geschichte viel weiter zurückliegen, als oft besagt. Zur Bevölkerungsentwicklung des Dorfes gibt es leider nur wenige Hinweise.

Tatsächlich befand sich in dem Gebiet einmal das beschauliche Dorf Wahn. Inmitten der grünen Idylle lag bereits zu Zeiten des Ersten Weltkrieges ein Schießübungsplatz, welcher auch heute noch zu Trainingszwecken und Waffen-Tests genutzt wird.

Einst gab es Überlegungen, das Übungsgebiet auszuweiten, welche jedoch nie ausgeführt wurden. 1877 gründete die Essener Firma Krupp südlich der Gemeinde einen großen Schießplatz. Pläne zur Erweiterung des Geländes, die 1917 beinahe die Auflösung des Ortes bedeutet hätten, wurden nach Ende des Weltkrieges zunächst hinfällig. Zuvor, im Jahre 1906 schloss Krupp Pachtverträge, in denen unter anderem Entschädigungszahlungen für Belästigungen durch den Schießbetrieb vereinbart wurden.

Aufgrund der Ausweitung des Schießübungsgeländes mussten die Gebäude und die Bewohner weichen. Am 1. April 1941 wurde die Gemeinde offiziell aufgelöst und die einstigen Bewohner nach und nach an den Westrand des Schießübungsplatzes umgesiedelt. Bis 1943 war der letzte Einwohner Wahns zwangsweise umgesiedelt.

Viele persönliche Schicksale sind mit diesem Ort und der Umsiedlung verbunden.

Wir folgen jetzt einfach mal dem Weg durch den Wald.

Es herrscht eine merkwürdige Atmosphäre vor. Allein der Gedanke daran, dass hier noch bis 1941 Familien mit ihren Kindern, Handwerker und Bauern, beheimatet waren, es gab eine Poststelle und eine Schule, lässt uns einen kalten Schauer über den Rücken laufen.

Denn hier steht kein Haus mehr auf seinen Grundmauern. Weg. Alle Häuser und die im Jahre 1749 errichtete Antoniuskirche wurden zerstört. Nur noch Gedenktafeln der einstigen Besitzer zieren den Weg und erinnern an deren einstige Heimat. (seht die Beitragsbilder, wir finden es ergreifend, die Stimmung war es auch.)

Der Ort Wahn war über 1000 Jahre alt. Etwa 186 Wahner Familien und insgesamt 1000 Menschen verloren ihre Heimat.

Was für ein Verlust! Hier wurden Familien entwurzelt, manche Höfe stammten noch aus dem 15. /16. Jahrhundert.

Schweigend folgen wir dem langen Weg durch das ehemalige Dorf und blicken auf das Kopfsteinpflaster, dass noch an alte Zeiten erinnert.

Gleich neben der Kirche des Dorfes thront eine Skulptur, die Auskunft darüber gibt, wer nun hier das „Sagen“ hat. (oder schon immer hatte). Wer meinen Beiträgen folgt, weiß, was damit gemeint ist.

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Bis 1957 war der Schießplatz im Eigentum der Familie Krupp, dann hat die Bundeswehr das Areal übernommen und betreibt seitdem die Erprobungsstelle für Waffen und Munition.

Am 3. September 2018 lösten Schießübungen bei extremer Trockenheit einen Moorbrand auf dem Gelände der Bundeswehr aus. Der größtenteils unterirdische Brand verbrauchte eine Fläche von etwas mehr als 1000 Fußballfeldern. Erst am 10. Oktober 2018 wurde dieser Moorbrand gelöscht. Der Brandgeruch wurde auch im über 200 km entfernten Hamburg wahrgenommen.

Auslöser des Brandes waren Raketenschießtests der Bundeswehr. Die Rauchfahne des verheerenden Feuers über eine Satellitenaufnahme aus 824 Kilometern Höhe. © Deutscher Wetterdienst

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Der ehemals kleine Ort war kein direktes Opfer des 2. Weltkrieges. Schon im Vorfeld wurden die Menschen für die Erprobung von Waffen aus ihrer Heimat vertrieben.

Randnotiz zur Familie Krupp:

Die Familie Krupp war eine einflussreiche deutsche Industriellendynastie aus Essen, die durch Stahlproduktion und Waffenhandel (Fried. Krupp AG) weltbekannt wurde. Gegründet 1811, stieg das Unternehmen im 19. Jahrhundert zum Rüstungskonzern auf, fusionierte 1999 zu Thyssenkrupp und ist heute eng mit der gemeinnützigen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung verbunden.

Die wachsende Reichweite der Kruppschen Kanonen, die dort erprobt worden sind, brachten die Menschen von Wahn zunehmend in Bedrängnis. 1917 gab es einen ersten Enteignungsantrag der Krupp AG beim Königlichen Staatsministerium. Die Verhandlungen über die Durchführung der Enteignungsmaßnahmen standen kurz vor dem Abschluss. 

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Dieser Abschnitt ist dem Buch „Use Olde Waohn“, Autor Herrmann Röttgers aus Sögel, entnommen:

Wahn war für den Hümmling bis zum Jahr 1841 Mittelpunkt der Postbeförderung. Fürstbischof Bernhard von Galen, Münster, ordnete 1651 an, eine zweimal wöchentlich verkehrende Botenpost von Münster über Lingen, Haselünne, Wahn, Kluse, Aschendorf nach Ostfriesland einzurichten. In der Franzosenzeit (1807) wurde im Hause Grüter in Wahn eine Postspedition eingerichtet und dem Postamt Lingen unterstellt. Die Postspedition Wahn wurde später nach Lathen verlegt. Ab 1841 leitete man die Post von Meppen über Haselünne, Berßen, Sögel, Wahn, Kluse nach Aschendorf. Mit Inbetriebnahme der Eisenbahn Emden-Rheine im Jahre 1856 wurde eine Pferdepost eingerichtet, die von Lathen über Sögel nach Werlte führte, ohne den Ort Wahn zu berühren. Mit dem Bau einer festen Straße von Lathen nach Wahn im Jahre 1862 wurde der Ort wieder von der Post angefahren. Ab 1898 übernahm die Hümmlinger Kreisbahn den Transport der Postgüter.

Die Postagentur Wahn war zuletzt an der Hauptstraße im Hause des Kaufmanns und Gastwirts Bernh. Holtmann-Oldiges.

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Weitere Quellen:


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