Swinemünde am 12. März vor 81 Jahren – im Gedenken (Teil II)

Wie wir gestern schon aus dem ersten Beitrag zu den Vorgängen des 12. März 1945 von Swinemünde erfahren haben, kann dieser kleine beschauliche Badeort an der Küste von Usedom, mehr noch als Dresden und Pforzheim, als Gipfel der Grausamkeit, als Sinnbild des Hasses der Sieger gesehen werden.

Dennoch sind dieser Luftangriff und seine verheerenden Folgen in der Gegenwart kaum einem Deutschen bekannt. Auch deshalb ist seiner als eines bewusst von den Amerikanern geplanten Massenmordes an deutschen Zivilisten zu gedenken.

Als am 12. März 1945 am Vormittag erst gerade 14 Schiffe aus Stolpmünde eingetroffen waren und der Hafen von Menschen überquoll, die die Schiffe verlassen wollten unter denen auch rund 900 Gerettete der >Wilhelm Gustloff<waren, hatte die 8. US-Luftflotte ab 12 Uhr 06 bis 12 Uhr 58 verheerende Bombenangriffe auf die Menschenmassen und die Schiffe angesetzt.

So überfüllt die Stadt mit ihren rund 30 000 Einwohnern und um die 100 000 Flüchtlingen am 12. März gezeigt hatte, so verlassen wirkte sie schon kurze Zeit später. Viele Häuser waren unbewohnbar geworden.

Das Inferno, das dann in der Mittagsstunde des 12. März 1945 über Swinemünde hereinbrach, erreichte wahrhaft apokalyptische Dimensionen, und die Bilder dieses Tages prägten das Leben vieler Überlebender für immer. Zu der Anzahl der Menschen, die in der Mittagsstunde des 12. März 1945 starben, gibt es wie so oft unklare Angaben.

Auf dem Golm zeugt eine in Stein gemeißelte Zahl von 23 000 Toten. Nach dem „üblichen Herunter-korrigieren“ der auf so schreckliche Weise zu Tode gekommenen deutschen Frauen, Kinder, Männer, Greise und Soldaten legt man sich nun (nach neuesten Erkenntnissen) auf „sage und schreibe“ 4000- 4500 Opfer fest. Ich lasse die von öffentlicher Seite erklärten „Zahlen“ unkommentiert. Möge sich jeder selbst sein Bild machen, beruhend auf dem Wissen des vorangegangenen Geschehens.

Mit 671 Bombern und 412 Begleitjägern nahm die US-Luftflotte Stadt und Hafen Swinemünde zum Ziel. Bei Beginn des überraschenden Fliegeralarms versuchten die dazu bereiten Flüchtlingsschiffe, schnell den Hafen zu verlassen. Doch viele wurden dennoch versenkt. Allein auf dem Dampfer >Androß<, der beim Ausschiffen war und von drei Bomben getroffen wurde, kamen Hunderte von Menschen ums Leben. Da den US-Piloten offensichtlich bekannt war, dass Zigtausende von Flüchtlingen in den an den Strand angrenzenden Kurparks kampierten, setzten sie viele >Baumkrepierer< als Bomben ein. Diese hatten Berührungszünder, die die Bomben detonieren ließen, wenn sie die Baumäste in einigen Meter Höhe berührten, so dass ihre Splitterwirkung auf die darunter befindlichen Menschen um ein Vielfaches erhöht war. Allein im Hafenbecken sanken dreizehn Schiffe voller Flüchtlinge. Von den großen Dampfern im Hafen wurden die >Jasmund<, >Hilde<, >Ravensburg<, >Heiligenhafen<, >Tolina<, >Cordillear< versenkt.

Zu den Bombern kamen die Tiefflieger, die in die Menschenmassen hineinmähten. Die abgeworfenen 1 609 Tonnen Bomben forderten nach offiziellen örtlichen Angaben 23 000 Todesopfer, andere Quellen nennen diese Zahl allein für die anschließend auf dem Golm auf Usedom Bestatteten und geben 28 000 als Gesamtopferzahl an, von denen nur 1 667 identifiziert werden konnten.

Der 12. März 1945 war der vorweggenommene Untergang des deutschen Swinemünde und zugleich die zentrale Gewalterfahrung der Kriegskindergeneration dieser Stadt. Aus vielen Begegnungen ist bekannt: Die wenigsten konnten die Erlebnisse dieses Tages jemals wirklich verarbeiten.

Noch acht Jahrzehnte später zieht es jene, die noch dazu in der Lage sind, Jahr für Jahr zurück in die Stadt, vor allem aber auf den Golm, jenen großen Waldfriedhof, nur wenige Meter von der heutigen polnischen Grenze entfernt, wo die meisten Toten des 12. März 1945 ihre letzte Ruhestätte fanden. Hier wird auf Gedenktafeln aller namentlich bekannten Opfer des amerikanischen Bombenangriffs gedacht – auch jener, deren Grablage unsicher oder unbekannt ist, oder deren Gräber sich auf anderen, zum Teil heute nicht mehr auffindbaren Flächen in und um Swinemünde auf Usedom und Wollin befinden, oder sogar auf Friedhöfen bis Anklam und Greifswald.

Verwundete waren auf Krankenhäuser und Lazarette in ganz Vorpommern verteilt worden, viele starben noch Wochen nach dem Angriff an den schweren Verwundungen.

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Wir haben den Golm zuletzt in 2025 besucht. Immer, wenn wir Zeit auf Usedom verbringen, besuchen wir den Golm bei Kamminke unweit des Stettiner Haff.

(siehe auch Beitrag aus 2023 im Kommentar)

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Ein Erlebnisbericht von Heinz Schön:

»Ein Unteroffizier packte mich am Ärmel: >Komm Kamerad, pack mal mit an!< Es waren die Toten, die weggeräumt werden mussten. Wenn ich die blutbeschmierten Leiber anfassen

musste, sah ich weg und schloss für Sekundenbruchteile meine Augen. Da lag eine Frau und da noch eine mit einem kleinen Jungen, dessen Hände sich in den Kleidern der Mutter verkrampft hatten, er war im Tod nicht von der Mutter zu trennen. Da wieder ein Kind oder der Rest von ihm. Beide Beine waren abgerissen. Ich hob den kleinen Körper auf, legte ihn einem Sanitäter auf beide Arme und sagte zu ihm: >Vorsicht. „ !< Doch er warf den kleinen Körper auf den großen Haufen Toter, die sich auf der Plattform des LKWs auftürmten . . . Ich konnte nicht damit fertig werden, so viele Tote sehen zu müssen, vor allem Frauen und Kinder.«

(Heinz SCHÖN, Die letzten Kriegstage, Motorbuch,

Stuttgart 1 995, S. 2 1 2.

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Die US-Luftwaffe verbuchte den Angriff in ihren Annalen als einen »Verkehrsangriff auf Rangierbahnhöfe«.

Der Angriff soll auf Wunsch der Roten Armee erfolgt sein, die bereits knapp 30 Kilometer vor Swinemünde stand. Sie war zu solch einem Flächenbombardement technisch nicht in der Lage.

Und die Anglo-Amerikaner nutzen die Gelegenheit der in der Stadt zusammengedrängten Massen von Zivilisten dazu, wie in Dresden möglichst viele zivile Deutsche zu töten: ganz offensichtlich ein Kriegsverbrechen. Es ist bis heute ungesühnt.

Beisetzungsfeier für
die Bombenopfer auf
dem Golm. (Landesarchiv
Greifswald, abgedruckt
i n : SCHNATZ,
aaO. (Anm. 2).

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Quelle /Bildnachweis

zum Teil aus dem privaten Archiv /

zum Teil aus „Flucht und Vertreibung“ Hoffmannn und Campe Erich Andres Hamburg/ Hilmar Pabel Frasdorf/Presse und Informationsamt der Bundesregierung.

Jörg FRIEDRICH, Der Brand, Deutschland im Bombenkrieg 1940- 1945, Propyläen-Ullstein, Berlin 1 12002, S. 1 70-1 76, darin viele Erlebnisberichte zu dem Angriff.

Heinz SCHÖN, Die letzten Kriegstage, Motorbuch, Stuttgart 1995,

S. 211

Gerhard BAUMFALK, Der Luftkrieg über England und Deutschland 1939-

194 5, Grabert, Tübingen 2004, S. 96 f.


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