Es ist der 17. März 1968 und eine vom brasilianischen Innenminister General Alfonso Albuquerque Lima eingesetzte Untersuchungskommission legt in Rio de Janeiro einen Bericht vor, wonach Beamte der brasilianischen Indianerschutzbehörde in den letzten Jahren Tausende von Indianern des Landes planmäßig getötet haben.

Aus dem Bericht geht hervor, dass von etwa 700 Funktionären des Indianerschutzdienstes, der in den 1930er Jahren eingesetzt wurde und in dessen Zuständigkeit 90 000 der 150 000 in Brasilien lebenden Indianer fallen, 104 unmittelbar an der Ermordung beteiligt waren.
Diese Verbrechen, die einem Völkermord gleichzusetzen sind, haben mindestens vier Indianerstämme völlig ausgelöscht.
Im Bundesstaat Mato Grosso wurden die dort lebenden Cintas Largas aus Flugzeugen mit Dynamit beworfen und die Fliehenden mit Maschinengewehren niedergeschossen.
Im Bundesstaat Bahia sind zwei Stämme der Patacho-Indianer vernichtet worden, indem unter ihnen durch Impfungen die Pocken verbreitet wurden. Ebenfalls in Mato Grosso vergifteten die Beamten ein ganzes Indianerlager mit Arsen. Ferner werden dem Indianerschutzdienst Diebstahl, Vergewaltigung, Folterung, Landenteignung und zahlreiche andere Verbrechen zur Last gelegt.
Als Grund für die Massaker wird ein wachsendes Interesse am Land der Indianer vermutet. Auch Plantagenbesitzer sollen zu den Drahtziehern der Morde gehören.
Nach der Veröffentlichung geschah dann folgendes: Der Bericht umfasste über 7.000 Seiten und belegte, dass ganze Stämme durch Krankheiten (absichtliche Ansteckung mit Pocken), Sprengstoff, Maschinengewehre und Zucker mit Arsen ausgerottet wurden.
Trotz der Schwere der Verbrechen führten die Ermittlungen kaum zu strafrechtlichen Konsequenzen für die Verantwortlichen. Der Bericht selbst galt lange Zeit als verschollen, wurde aber später wiederentdeckt.
Dieser Prozess, hätte er denn stattgefunden, würde von dem Untergang der brasilianischen Waldindianer erzählt haben, eines Menschenschlages, wie es ihn harmloser und bezaubernder auf der Welt nicht gab. Die indianische Tragödie, die sich im Jahrhundert zuvor in den Vereinigten Staaten abspielte, hat sich in Brasilien wiederholt, jedoch in kürzerer Zeit. Ganze Indianerstämme waren buchstäblich ausgerottet worden — nicht etwa trotz aller Bemühungen des staatlichen Indianerschutzdienstes, sondern mit seinem stillschweigenden Einverständnis, und unter seiner eifrigen Mitwirkung. Die Liste der Verbrechen, die ihnen angelastet werden, füllte eine ganze Ausgabe © 1969 The Sunday Times.
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Die Folgen:
Von den in den 1930er Jahren gezählten 19 000 Munducurus waren 1200 übriggeblieben, die Zahl der Guaranis ging von 5000 auf 300 zurück. Von den 4000 Carajas lebten noch 400. Die 10 000 Cintas Largas waren auf 500 zusammengeschmolzen.
Der stolze Stamm der Kadiweus, der »indianischen Kavaliere«, existierte nur noch als eine jämmerliche Diebesbande von etwa 200 Mitgliedern. Von den furchterregenden Chavantes waren nur einige hundert am Leben.
Von vielen Stämmen lebte nur noch eine einzige Familie, von manchen gab es sogar nur ein oder zwei Angehörige. Andere Stämme waren völlig verschwunden, so die Tapaiunas, die durch eine mit Arsen vermischte Zuckerspende ausgerottet wurden. Generalstaatsanwalt Jader Figueiredo schätze, dass den Indianern in den vorausgegangenen zehn Jahren Eigentumswerte in Höhe von 248 Millionen Mark geraubt wurden.
»Nicht nur die Veruntreuung der Gelder«, erklärte Figueiredo, »auch die Duldung sexueller Perversion, Morde und anderer Verbrechen gegen die Indianer beweist, dass der Indianerschutzdienst jahrelang eine Höhle der Korruption und des wahllosen Mordes war.«
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Was viele Jahre /Jahrhunderte zuvor geschah:
Es war einmal, ein Landstrich in Brasilien: Hier herrschte Unschuld, hier war offenbar Freiheit, sogar Freiheit vom Fluch der Erbsünde. Die Indianer, so hatte es in den ersten Berichten geheißen, kannten weder Verbrechen noch Strafen. Sie hatten keine Henker oder Folterknechte, keine Armen. Sie behandelten einander, ihre Kinder, selbst ihre Tiere mit ständiger Liebe. (so geht es aus einem Brief Caminhas hervor, der zwei Jahrhunderte später den französischen Philosophen Voltaire ermutigte, seine Theorie vom edlen „Wilden“ zu formulieren.
Am 22. April 1500 landete dort, an der Küste Brasiliens, eine Flotte des portugiesischen Ostindien-Fahrers Pedro Alvares Cabral. Von den Indianern wurden diese Leute freundlich aufgenommen.
Doch sollten sie Opfer einer Entwicklung werden, die sich der Kontrolle ihrer bewundernden Gäste entzog. Denn Spanien und Portugal waren zu Parasiten-Nationen geworden und kamen nicht mit guten Absichten.
Die Eingeborenen spendeten mit Anmut und Grazie, während die Eindringlinge alle Geschenke gierig an sich rissen. Als es nichts mehr zu schenken gab, folgten Sklaverei und Mord.
Wer von den Plantagen floh, endete oft in den Reservaten der Jesuiten — religiösen Konzentrationslagern, in denen schon geringfügige Vergehen mit schrecklichen Züchtigungen oder Gefängnisstrafen geahndet wurden. Der Jesuiten-Missionar José de Anchieta kommentierte: »Schwert und Eisenstab sind die besten Mittel der Predigt.«
Über das Tempo des Ausrottungsprozesses lassen sich nur äußerst grobe Schätzungen anstellen. In einem Punkt stimmen die Berichte überein: Als die Spanier und Portugiesen in Brasilien auftauchten, hatten sie eine große und lebenssprühende Bevölkerung vorgefunden. Man nimmt an, dass es damals drei bis sechs Millionen Indianer gegeben hat.
Der spanische Dominikanermönch de Las Casas (1474 bis 1566) hatte die Folgen der blutigen Eroberung Kubas durch die Spanier 1511 erlebt und war zum schärfsten Gegner der Indianerausrottung geworden; durch seine unermüdlichen Proteste setzte er die Aufhebung der Indianersklaverei durch, wurde jedoch später durch Intrigen der Kolonialverwaltung und des eigenen Klerus aus Lateinamerika vertrieben.
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Infotafel und Quelleverzeichnis
Pero Vaz de Caminha, auch Pedro Vaz de Caminha, (* vermutlich 1445 in Porto; † 15. Dezember 1500 in Kalikut, Indien) war als Schreiber des Seefahrers Pedro Álvares Cabral wesentlich an der sogenannten Entdeckung Brasiliens im Jahre 1500 beteiligt.
Chronik- Bibliothek des 20. Jahrhunderts 1968 -1971 Bertelsmann Lexikothek S. 48
Artikel des „Spiegel“ vom 26.10. 1969 Ausgabe 44/1969 unter dem Titel: „Sie werden alle ausgerottet“