Aufnahme / Foto: am Tollenstein
©KlaraFall
„Da diese Lebensfragen jeden Mährer und Schlesier auf das Lebhafteste berühren müssen, sei es auch mir erlaubt, zu ihrer Lösung einige Anhaltspunkte aus der Landesgeschichte und den Landes Fundamentalgesetzen zu liefern, so weit es die Eile und Dringlichkeit der Sache gestattet.“
(Auszug aus der Zweitausgabe des Oberfinanzrates Christian Richter d’Elvert zu „Einem gemeinschaftlichen Landtage zu Böhmen, Mähren und Schlesien – Brünn, 1868)
Das geflügelte Wort von den „böhmischen Dörfern“ einmal geprägt, um etwas total Unverständliches unverständlich zu lassen? Die Sudetendeutschen (Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien), einst vom Frieden so entwurzelt wie andere vom Krieg, leben inzwischen über die ganze Welt verstreut. Ihr Schicksal ist die Vertreibung geblieben, doch ihr landsmannschaftlicher Zusammenschluss blieb häufig ungebrochen.
Bevor ich nun die „Feder“ zücke und mich einem weiteren Kapitel zur Görlitzer Geschichte widme, möchte ich noch etwas voranführen. So mancher fragt sich vielleicht: Warum tut sie das? Warum schreibt sie das nur alles nieder?
Die Antwort dazu fällt leicht: Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir uns für unser Land und unsere Geschichte wieder interessieren.
Wenn wir die Geschichte von Görlitz beleuchten, darf das Kapitel der Böhmen und Mähren nicht übersprungen werden. Für jüngere Generationen bietet sich ein faszinierender Blick in die Vergangenheit, für Landsleute vertraute Erinnerung.
Doch wer waren nun die Böhmen und Mähren? Und welche Verbindung gibt es zu Görlitz?
Böhmen erhielt den Namen von dem keltischen Stamm der Bojer, die hier Jahrhunderte v. u. Z. siedelten. Die Kelten zogen um 200 v. u. Z. weiter westwärts, einige blieben zurück, ihnen folgten um 200 v. u. Z. Germanen (Langobarden und Quaden) nach Böhmen und Mähren. Einige darunter verließen die urbar gemachten Gebiete um 600 v. u. Z.
Kleine slawische Stämme Tschechen und (Morawer) Mähren nahmen einen Teil des gerodeten, kultivierten und bebauten Teils des Landes ein.
Ab dem 9. Jahrhundert kamen wieder Germanen aus den Stämmen der Franken, Thüringer und Flamen nach Böhmen und Mähren. Sie gründeten Dörfer und Städte – die Namen Böhmen und Mähren blieben erhalten. Die Siedler wurden von den Herrschern gerufen, wie in Schlesien, Pommern, West- und Ostpreußen. Es war überall eine Landgabe und keine Landnahme.
Prag – ein Edelstein in der Krone der Welt
973 wird das Bistum Prag gegründet, erster Bischof war Thietmar von Merseburg. Prag, „eine Stadt aus Stein mit großem Marktplatz“, ist das natürliche Zentrum Böhmens.
Hättet ihr es gewusst?
- Reiner Maria Rilke ist Prager durch Geburt. Der wohl bedeutendste deutsche Dichter seiner Zeit stammte von Vatersseite aus einem nordböhmischen Bauerngeschlecht, die Mutter kam aus einer Prager Bürgerfamilie.
- Bertha von Suttner, 1843 in Prag geborene Gräfin Kinsky, erhielt 1905 für ihre Rollen als Pazifistin und Schriftstellerin den ersten Friedensnobelpreis. Zuvor ermunterte sie Alfred Nobel zur Stiftung eines Friedensnobelpreises.
- Weitere berühmte Prager Deutsche sind Franz Kafka (1883-1924) Schriftsteller („Die Verwandlung“, Das Schloß“, „Amerika“) sowie Franz Werfel (1890-1945), Lyriker, Erzähler und Dramatiker, Egon Erwin Kisch (1885-1948), Journalist und Schriftsteller und Max Brod (1848-1968), österreichisch-israelischer Schriftsteller und Herausgeber von Kafkas Werk, – um an dieser Stelle nur einige zu nennen.
Frühe Nachrichten zur Burg auf dem Hradschin, Sitz des Fürstengeschlechts der Premysliden, stammen aus dem 10. Jahrhundert.
Die Premysliden waren ein böhmisches Herrschergeschlecht, die seit 895 als deutsche Herzöge die Geschicke Böhmens und Mährens lenkten. Die böhmischen Könige, die gleichzeitig als Markgrafen in Mähren herrschten, waren auch deutsche Reichsfürsten mit einer bedeutenden Stellung im Römisch-Deutschen-Reich.
Görlitz gehörte bis 1635 zu Böhmen…
Böhmen und Mähren stand bereits ab 806 unter fränkischer danach deutscher Herrschaft und kam 905 als Lebenshoheit zum Römischen Reich Deutscher Nation.
Görlitz gehörte bis 1635, außer kurzen Unterbrechungen, zu Böhmen, danach zu Sachsen und ab 1815 zu Schlesien und somit bis 1806 immer zum Römischen Reich Deutscher Nation.
Unterbrechungen waren:
- Im 12. Jahrhundert kam Görlitz wieder zu Meißen und im 13. Jahrhundert zu den brandenburgischen Askanieren (ein fränkisch-schwäbisches Geschlecht).
- 1377-1396 hatte Görlitz eine eigene Herrschaft, als Kaiser Karl der IV. (aus dem Hause Luxemburg) seinem Sohn Johann das Herzogtum Görlitz einrichtete.
- Der Ungarn und Böhmenkönig Matthias Corvinus herrschte von 1479-1486 über Schlesien und Böhmen und somit auch über Görlitz.
Zur Geschichte des Hause Luxemburgs, das durch Böhmen auch mit Görlitz verbunden war:
- Graf Siegfried aus dem germanischen Stamm der Karolinger erwarb 963, die zum Deutschen Reich gehörende Grafschaft Lützelburg (Lucilinburhuc). Er ist der Begründer des Hauses Luxemburg (1354 Herzogtum), welches im 14. und 15. Jahrhundert vier Kaiser des Deutschen Reiches und vier Könige von Böhmen stellte.
- Luxemburg gehörte bis 1795 zum Römischen Reich Deutscher Nation, wurden von Franzosen (Napoelon) geraubt, und kam bis zu Napoleons Sturz 1815 zu Frankreich.
- Als selbständiges Herzogtum war Luxemburg bis 1866 Mitglied des Deutschen Bundes.
Das waren die Könige und Kaiser aus dem Hause Luxemburg:
- Heinrich VII., römisch-deutscher und böhmischer König 1308, Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation 1312
- Johan der Blinde (Sohn Heinrich VII) 1313-1340 römisch-deutscher König von Böhmen und Markgraf von Mähren. (1339 im Kampf erblindet).
- Karl der IV. (Sohn von Johann dem Blinden) 1340 römisch-deutscher König von Böhmen, 1355 Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation.
- Kaiser Karl IV. ist der bekannteste Herrscher aus dem Hause Luxemburg und der größte römisch-deutsche Kaiser des Spätmittelalters. Er war intelligent, sprach fünf Sprachen, war ein hervorragender Diplomat und ein Förderer der Wissenschaft und Künste. Unter ihm wurde durch eine rege Bautätigkeit Prag zur Goldenen Stadt. Es entstanden unter anderem die Karlsbrücke über die Moldau, die Burg Karlstein. Er gründete die erste Mitteleuropäische Universitär in Prag (Wien und Heidelberg) folgten. Die Stadt wurde für ihn zu einem der wichtigsten geistigen und kulturellen Zentren Europas und zur Haupt- und Residenzstadt des Römischen Reiches Deutscher Nation ausgebaut.
- Dem nicht genug: Karl IV. schuf die Goldene Bulle 1356: Sie wurde zum Grundgesetz des Reiches bis zum Untergang 1806. Auf dem Berg Oybin ließ er Burg, Cölestiner Kloster und Kaiserhaus bauen. Es sollte sein Alterssitz werden. Aber noch vor Fertigstellung starb er 1378. In seine Regierungszeit fällt auch die vollständige Eingliederung Schlesiens in das Römische Reich Deutscher Nation.

©KlaraFall
Tipp für interessierte Leser: Auf meiner Seite: „Klara Fall: Das glaube, wer mag“, findet ihr in regelmäßigen Abständen interessante und kurzweilige Geschichten zur Geschichte. Schaut doch immer wieder mal rein!

Eine Antwort zu “Görlitz, meine wunderschöne Heimat (Teil II): Wer waren die Böhmen und Mähren?”
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