„Mehr von den Gatten als des Vaters Geiste beseelt, nicht zum Weinen gebeugt, noch zum Flehen sich erniedrigend.“

Ich bin gewiss, in einigen unter uns Frauen ruht immer noch das Wesen der Thusnelda

Aus dem Waldesdüster ältester Geschichten unseres Landes tritt eine Frauengestalt hervor, welche von den antiken Autoren, die ihrer gedenken, nur mit wenigen und flüchtigen Zügen gezeichnet ist und dennoch fest, bestimmt und deutlich vor unserem Seelenauge steht: – die Gestalt der Gattin Armins.

Der Stahlgriffel des Tacitus hat mittels etlicher Lapidarworte, wie sie »der Blitz in Felsen schreibt«, das tragische Geschick dieser Frau der Ewigkeit eingegraben. Ihr Name findet sich jedoch nur bei einem der alten Zeugen, beim Strabon, dem bekannten Geographen des Altertums, welcher zur Zeit des Augustus und Tiberius schrieb. Er nennt sie Thusnelda.

Hochschlank von Wuchs, voll und straff von Formen, goldhaarig, kornblumenaugig und rotwangig müssen wir uns das Mädchen denken, welches in stürmischer Nacht, zagend und doch einem unwiderstehlichen Zuge gehorchend, aus der Hintertür des väterlichen Edelhofs schleicht, wie ein weißer Schatten über die Lichtung huscht und in dem gegenüberliegenden Eichenkamp verschwindet.

Der wirklich und wahrhaft historische Roman Arminius und Thusnelda ist kulturgeschichtlich und psychologisch gleich merkwürdig.

Diese älteste, historisch beglaubigte deutsche Liebesgeschichte zeigt nämlich deutlich, dass in den altdeutschen Wäldern das Verhältnis von Mann und Weib tatsächlich auf einer edleren Anschauung beruhte als in der griechisch-römischen Welt.

Dem berühmten Zeugnis des großen römischen Historikers zufolge hatten sich ja bei den Germanen die Frauen einer viel geachteteren Stellung zu erfreuen als bei irgendeinem Volk im Umkreise des hellenisch-römischen Altertums. Die Germanin wird nicht als willenlos vorausgesetzt. Auch in ihr regt sich der deutsche Individualismus, der Selbstbestimmungstrieb. Die germanische Frau steht nicht an, das Recht des menschlichen Ich und Selbst gegenüber der Satzung, dem Brauch und der äußerlichen Gewalt geltend zu machen.

Die Tochter Segests ist, zweifelsohne nach den Formen des altdeutschen Brautkaufs von ihrem Vater einem Manne verlobt, den sie nicht haben will. Weit entfernt jedoch von feiger Ergebung in die »soziale Ordnung«, verzehrt sie sich nicht in nutzlosen Tränen, sondern lässt sich vielmehr entschlossen von dem Manne entführen, welchen ihr Vater hasst, sie aber liebt.

Wer in Florenz gewesen, erinnert sich gewiss mit Vergnügen der schönen »Loggia de‘ Lanzi« auf dem Marktplatz, eines der besten Werke der Frührenaissance. Unter den Statuen, welche das Innere der Halle schmücken, fällt eine mehr als lebensgroße marmorne auf, und zwar durch den großartigen Ausdruck tiefer Schwermut, welche über ihre Gesichtszüge, ja über ihre ganze Gestalt gegossen ist.

Die Florentiner kannten sie früher unter dem Namen der »Göttin des Schweigens«, welche Bezeichnung sicher nur von der Bewegung der rechten Hand der Statue gegen den Mund zu herrührte.

Einige Archäologen wollten in ihr die Matrone Veturia, Koriolans Mutter, erkennen; andere sahen in der Bildsäule eine griechische Polyhymnia oder Mnemosyne. Der Franzose Mongez hat zuerst die richtige Nachweisung gegeben, dass diese schöne Statue – sie hatte sich früher im Palazzo Kapranika und dann in der Villa Medici in Rom befunden – weder eine griechische Göttin noch eine römische Matrone darstelle, sondern eine von den Römern gefangene und im Triumph aufgeführte »Barbarin«.

»Das Urbild«, fügt Göttling hinzu, »muss einer Nation angehört haben, welche den Römern sowohl kriegerisch wie sittlich imponierte, und muss eine an Ansehen hervorragende Frau, eine Fürstin, gewesen sein.« …

Das Gesicht ist nicht von hellenischem oder römischem, sondern von nordischem Schnitt. Es trägt den Stempel schwermutsvollen Insichversunkenseins.

Der etwas vorgeneigte Kopf scheint sich unter der Wucht eines herben Geschickes zu beugen. Die linke Brust, sowie beide Arme sind bloß, und diese Blöße, wie auch die Gewandung der übrigen Gestalt ist ganz entsprechend der von Tacitus ( Germ. 17) gegebenen Schilderung, welcher Art die altdeutschen Frauen sich trugen.

Das ganze Bild macht einen so durchschlagend germanischen Eindruck, dass auch solche Altertumskenner, welche Göttlings Aufstellung für nicht völlig erwiesen ansehen, immerhin einstimmen, dass die beschriebene Statue eine Germanin vorstelle.

Die Rebellin gegen die väterliche und staatliche Autorität heiratet den Rebellen gegen die vollendete Tatsache der fremden Zwingherrschaft, deren gehorsamer Diener sein Schwiegervater ist. Fürwahr, ein von vornherein auf einen tragischen Ausgang angelegter Roman der Wirklichkeit. Er konnte gar nicht anders als unglücklich enden, denn Held und Heldin waren ja idealistisch gestimmt, waren hoch und edel gesinnt und »das Schöne muss sterben …«

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Bild: Accademia Colecciones

Text: Johannes Scheer (1817-1886) 1879 Germania. Zwei Jahrtausende deutschen Lebens


2 Antworten zu “„Mehr von den Gatten als des Vaters Geiste beseelt, nicht zum Weinen gebeugt, noch zum Flehen sich erniedrigend.“”

  1. Vielen Dank für diese hochinteressante Ausführung.
    Mir öffneten sich beim Lesen Türen, von denen ich gar nicht wußte, dass sie vorhanden sind.
    Ein so großes Thema, das meines Wissens nach zum allergrößten Teil nicht gegenwärtig ist, vielleicht nur in kleinen Insider-Gruppen.
    Und weiter gedacht die Diskrepanz von der edlen, starken Germanin zu den degenerierten Gender-Modepuppen heute mit allem, was sich dazwischen befindet.
    Und dann fallen mir Frauen auf, aus meinem Umfeld gar, die ein tiefes Wissen in sich tragen, die in der aktuellen Zeit des extremen Wandels eine Kraft und Stärke beweisen, die auf den uralten Seinsgrund deuten.
    Global gesagt komme ich aus Germany, aber mich als Germanin zu fühlen, ist ungewohnt.
    Was ist dazwischen passiert?
    LG Petra

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    • Der uralte Seinsgrund, unsere Wurzeln, du hast die Antwort doch schon gefunden. Das Dazwischen, also das Wissen über die Zeit bis heute, wurde immer und immer wieder verdreht, solange verdreht, bis man sich selbst seiner Wurzeln nicht mehr entsinnen kann. Deshalb ist das Brauchtum und dessen Pflege so wichtig, damit wir fühlen können, wer wir wirklich sind.

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