Im Gedenken

In den Mittagsstunden des 12. März 1945 zerstörten 661 amerikanische Bomber die mit Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten völlig überfüllte pommersche Hafenstadt Swinemünde zu großen Teilen. Die meisten der Opfer des Bombenangriffs, überwiegend Zivilisten, fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom, am westlichen Stadtrand von Swinemünde gelegen.

Rund 30 000 Flüchtlinge befanden sich vermutlich Anfang März in der Stadt. Die Fontaneschule zum Beispiel war als Quartier mit jeweils 2 000 Flüchtlingen über viele Wochen voll belegt, die hier auch warmes Essen durch die Abordnung zweier Marineköche erhielten. 35 000 Flüchtlinge registrierte man allein in dieser Unterkunft bis 8 Inferno von Swinemünde Kriegsende.

Die Straßen auf den Inseln waren völlig überlastet mit Flüchtlingstrecks, die nur langsam vorankamen und lange auf die Querung der Swine warten mussten. Trotzdem: Für viele Flüchtlinge war Swinemünde nach wochenlangen Entbehrungen ein Ort des Ankommens. Hier funktionierte die Versorgung noch, hier gab es

berechtigte Aussicht auf ein warmes Nachtquartier und auf ein bequemeres Fortkommen in Zügen. Angekommen in Swinemünde glaubte man, dem Krieg entkommen zu sein berichten viele ehemalige Flüchtlinge, „Dann kamen wir nach Swinemünde, wir haben dann gedacht, so, jetzt haben wir es endlich geschafft […] und dachten, wir sind in Sicherheit.“

Das Inferno, das dann in der Mittagsstunde des 12. März 1945 über Swinemünde hereinbrach, erreichte wahrhaft apokalyptische Dimensionen, und die Bilder dieses Tages prägten das Leben vieler Überlebender für immer. Zu der Anzahl der Menschen, die in der Mittagsstunde des 12. März 1945 starben, gibt es wie so oft unklare Angaben .

> Siehe auch Beitrag im Kommentar.

So überfüllt die Stadt sich mit vermutlich rund 70 000 Menschen am 12. März gezeigt hatte, so verlassen wirkte sie schon kurze Zeit später. Viele Häuser waren unbewohnbar geworden

Der 12. März 1945 war der vorweggenommene Untergang des deutschen Swinemünde und zugleich die zentrale Gewalterfahrung der Kriegskindergeneration dieser Stadt. Aus vielen Begegnungen ist bekannt: Die wenigsten konnten die Erlebnisse dieses Tages jemals wirklich verarbeiten. Noch sieben Jahrzehnte später zieht es jene, die noch dazu in der Lage sind, Jahr für Jahr zurück in die Stadt, vor allem aber auf den Golm, jenen großen Waldfriedhof, nur wenige Meter von der heutigen polnischen Grenze entfernt, wo die meisten Toten des 12. März 1945 ihre letzte Ruhe stätte fanden. Hier wird auf Gedenktafeln aller namentlich bekannten Opfer des amerikanischen Bombenangriffs gedacht – auch jener, deren Grablage unsicher oder unbekannt ist, oder deren Gräber sich auf anderen, zum Teil heute nicht mehr auffindbaren Flächen in und um Swinemünde auf Usedom und Wollin befinden, oder sogar auf Friedhöfen bis Anklam und Greifswald. Verwundete waren auf Krankenhäuser und Lazarette in ganz Vorpommern verteilt worden, viele starben noch Wochen nach dem Angriff an den schweren Verwundungen

Und wieder starben Unschuldige durch die Angriffe der Alliierten: Menschen in Notquartieren in der Stadt, auf den Schiffen im Hafen und auf Reede, in Eisenbahnwaggons kurz vor der rettenden Abfahrt und in Trecks insbesondere auf der östlichen Seite der Swinemünde.


5 Antworten zu “Im Gedenken”

    • Durch den Totschlag der Männer? Nun, wie auch immer man die über Jahrhunderte andauernden Verbrechen auf der Welt an unschuldigen Menschen betrachten mag, ist es vermutlich das Wenige, was die Lebenden heute noch tun können: Gedenken, in Ehrfurcht vor unseren Vorfahren und dabei nicht außer Acht lassen, die zu benennen, welche das Unheil über die Menschen bringen, immer und immer wieder.

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      • Ich weiss mir nicht, was meine Vorfahren alles auf dem Kerbholz gehabt haben. Der Femizid all überall ist eine Tatsache. Das eigene Verdorbene kann nicht ausgelöscht werden. Niemand ist ohne Schuld. Den Unheilbringern aus der Vergangenheit, ob jene benannt werden können oder nicht, verändert das Böse im hier und jetzt nicht.
        Die Menschenwürde ist universell, unteilbar und absolut.

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      • Das Böse verändert sich nicht. Da ist was dran. Doch mich persönlich wird das nicht davon abhalten, unserer Ahnen und Vorfahren zu gedenken. Der Stammbaum meiner Familie geht weit zurück, und ich habe Einsicht. Mir liegen Tagebücher und Niederschriften aus dem Ende des 18. Jahrhunderts und beginnenden 19. Jahrhundert vor, und darüber hinaus. Nun dieses Wissen wird nicht jedem zuteil. Daher weiß ich recht gut darüber Bescheid, was meine Vorfahren erlebt, erfahren und geschaffen haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Und somit werde ich ihr Erbe, und all ihr Tun nicht in Vergessenheit geraten lassen, so auch ihr Leid und ihren Schmerz, und all das, was sie ertragen mussten. Nicht zuletzt kann man daraus nur lernen, um das Böse, dass immer gegenwärtig ist, besser im Fokus zu halten. Aber jeder geht damit anders um. Das ist wie so oft schon geschrieben, mein ganz persönlicher Umgang mit den Ereignissen aus der Vergangenheit. Und daher werde ich immer wieder daran erinnern, was wirklich geschehen ist.

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      • Mit dem Bösen der anderen wird oft vergessen, dass jeder selbst mit blindem Auge dem eigenen Bösen nicht in die Augen schaut. Jeder ehrenhafte Mensch, von damals bis heute trägt seinen eigenen Schatten mit sich herum. Was die Menschheit seit der Menschwerdung und bis heute tagtäglich erleiden muss, kann keine Bibliothek zur Gänze erfassen.

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