Wer hätte das gedacht? Oder gar gewusst?
Der zweite Sonntag im Mai wurde einst auserkoren, um es genau zu sagen im Jahre 1908 – propagiert von der Frauenrechtlerin Anne Jarvis. Doch der Tag zur eigentlichen Vorgabe liegt noch viel weiter zurück.
Einige ahnen es schon: Der eigentliche Ursprung dieses Muttertages ist ein anderer und die „Idee“ ihn verpflichtend zu machen, knüpft an nichts anderem an, als an ein altes angelsächsisches Sippenfest.
Und wie sollte es anders sein? Selbstverständlich vereinnahmte die Kirche, wie ja die meisten der heidnischen Feste, auch dieses Fest für sich. Das einstige Frühlingssippenfest der Kelten und Germanen verschwand über die Zeit der Christianisierung.
Eigentlich sollte doch jeder Tag unseren Müttern gehören. Selbstverständlich kann man die Mütter auch an einem zweiten Sonntag im Mai ehren und feiern, aber das könnte man ja auch am ersten Sonntag im Mai, oder an einem Samstag, oder auch schon im April. Fest steht, der Frühling, wo alles sprießt und blüht, bietet sich zum Feiern besonders an.

Warum also eine Vorgabe? Sie stammt aus dem England des frühen 13. Jahrhunderts. Anbefohlen von König Henry III. als Gedenktag für Mutter Kirche und die leibliche Mutter.
Ich meine: Wir brauchen keine Vorgaben. Weder von einem Engländer noch von einem anderen Lakaien der Kirche.
Dem nicht genug: 1914 erklärte US-Präsident Woodrow Wilson den Muttertag zum offiziellen Feiertag. Schon bald entwickelte sich der Tag zu einem gesellschaftlichen Ereignis.
Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Gedanke über Deutschland nach Österreich, wo er in den 1920er Jahren von Marianne Hainisch, der Mutter des ersten österreichischen Bundespräsidenten, propagiert wurde.
Der Muttertag wurde in Österreich am 4. Mai 1924 eingeführt (Schweiz 1917, Norwegen 1918, Schweden 1919, Deutschland 1922). Für eine weitere Verbreitung sorgten die Internationale Muttertagsgesellschaft und die Heilsarmee.
Schließlich kamen zwei Frauen aus Amerika und strebten einen festen Mütter-Ehrentag an. Nach einem kurzen Hin und Her legte man sich auf den zweiten Sonntag im Mai fest.
Und wir? Wir feiern in der Sippe unsere Mütter an einem Tag im Mai – an irgendeinem Tag – wir feiern das Frühlingssippenfest! Fröhlich und ausgelassen vor einem duftenden Meer an Blumen. Sorgen wir dafür, dass das Ursprüngliche nicht in Vergessenheit gerät, pflegen wir die liebenswerten Traditionen und besinnen uns auf das Wesentliche.


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Das sei auch noch erwähnt:
Anna Jarvis, die oben erwähnte Begründerin des festgelegten Datums war über die Entwicklung darauf alles andere als erfreut: Schon bald kämpfte sie für die Abschaffung des Muttertags. Denn Blumenhändler, Süßwarenhersteller und Grußkartenproduzenten hatten den Tag für sich entdeckt. Jarvis verglich die Unternehmer mit „Banditen“ und „Scharlatanen“, die mit ihrer Gier nach Umsatz die Muttertags-Bewegung untergraben würde. In Jarvis‘ Augen sollte am Muttertag nicht das Geschäftemachern im Vordergrund stehen, sondern das Gedenken und die Solidarität.
In den 1920er-Jahren rief Jarvis dazu auf, Blumenhändler zu boykottieren und gar keine Blumen mehr zu kaufen. Auch gedruckten Grußkarten konnte sie nichts abgewinnen. Diese bedeuteten „nichts anderes, als dass Du zu faul bist, der Frau einen Brief zu schreiben, die mehr für dich getan hat als irgendjemand sonst auf der Welt“, befand Jarvis. Pralinen lehnte sie mit dem Hinweis ab, dass Kinder den Großteil der Schachtel selbst aufessen würden. Materielle Geschenke seien keine wirkliche Würdigung der Mutter.
In ihrem Kampf gegen den Ehrentag ging Jarvis so weit, Muttertags-Events zu stören – wofür sie kurzzeitig verhaftet wurde. Außerdem startete sie Unterschriftenkampagnen für die Abschaffung des Muttertags, wenngleich erfolglos. Am Ende resignierte sie. „Das ist das Paradoxe in meinem Leben. Mein größter Erfolg ist auch meine größte Niederlage“, sagte Jarvis. 1948 starb sie in Pennsylvania.
Nach Deutschland kam der Muttertag 1923 – er wurde ausgerechnet vom „Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber“ aus den USA importiert.
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Im Kommentar findet ihr noch einen schönen Beitrag zur tapferen Tusnelda. Ihr wisst schon, die Gattin von Arminius. Der Text stammt von Johannes Scheer (1817-1886) 1879 Germania – Zwei Jahrtausende deutschen Lebens