Was geschah am 16./17. April 1945 in Freudenstadt im Schwarzwald?

(ein Beitrag aus der Reihe, wenige Tage vor der sogenannten Befreiung und danach)

Wo sind sie, wo sind sie denn nur? Wo bleiben sie – die Wortmeldungen, die Gedenkstunden zu den Ereignissen kurz vor und nach der sogenannten „Befreiung“ im Jahr 1945?

Gestern war es die Tragödie der Goya mit deren Untergang 7000 Menschen den Tod fanden, worüber sich der große Teppich des Schweigens ausbreitete, heute ist es das Geschehen von Freudenstadt im Schwarzwald. Keine Schlagzeilen, (siehe heutige Schlagzeilen Beitragsfoto) keine Dauermeldungen, nichts von alledem.

Vielleicht gedenkt man im Stillen, zumindest bemühen sich manchmal die Bürgermeister der jeweiligen betroffenen Ortschaften darum, die Ereignisse wach zu halten. Dazu versammelt sich eine kleine Gemeinschaft, meist von Betroffenen. In die weite Welt hinaus schallt allerdings nichts davon. Keine „Berühmtheiten“ werden bemüht große Reden zu schwingen. Keine Sonder- oder Extra-Sendung. Das Geschehen bleibt eher im Verborgenen, man gedenkt im Stillen, für das Außen kaum wahrnehmbar. Und irgendwann wird wohl niemand mehr davon sprechen.

»Alle Verbrechen der »Alliierten dürfen, so scheint es, nicht Gegenstand von Nachforschungen und Rechtsverfolgungen werden. Es ist sogar möglich, dass gerade ihre Aufdeckung gerichtlich belangt wird – kraft

des seit 1945 herrschenden Grundsatzes: Die Straftat des Besiegten ist immer ein unverjährbares Verbrechen. Die Straftat des Siegers ist dagegen immer straffrei und lobenswert. .

(Philippe GAUTIER)

Keine dieser völkerrechtswidrigen Taten wurden je gesühnt. Die Täter wurden im Gegenteil geehrt, die beteiligten Einheiten genossen hohes Ansehen.

Ich habe versucht, mich kurzzufassen. Wirklich gelungen ist mir das allerdings nicht. Zu viel liegt im Dunst, vernebelt … , und ich hätte noch so viel mehr schreiben können – z. Bsp. Berichte von Zeitzeugen. Aber das hebe ich mir für einen weiteren Beitrag auf. Diese Taten lassen sich nun mal nicht mit knapp 1500 Wörtern „abspeisen“.

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Was geschah am 16./17. April 1945 in Freudenstadt im Schwarzwald?

Kurz: Die Stadt wurde durch französische Truppen vernichtet!

Obwohl die Lazarettstadt Freudenstadt völlig von deutschen Truppen entblößt war und nicht verteidigt wurde – was der alliierten Aufklärung nicht entgangen sein konnte – sowie zur offenen Stadt erklärt war, begann am Montag, dem 16. April 1945, gegen 14 Uhr 30 von selten der bis kurz vor die Stadt vorgerückten französischen Truppen eine Beschießung mit Spreng und Brandgranaten. Dazu kam am Spätnachmittag ein schwerer Bombenangriff.

Das Trommelfeuer auf die unverteidigte Stadt dauerte den Tag und die folgende Nacht über an, so dass der schmucke Schwarzwaldort größtenteils in Schutt und Asche sank.

Ein Kriegsverbrechen besonders schändlicher Art, wie es sich die deutschen Truppen in beiden Weltkriegen nicht ein einziges Mal zuschulden kommen ließen, stellte die tagelange Plünderung und Brandschatzung der Lazarettstadt Freudenstadt im Schwarzwald durch französische Truppen im April 1945 dar. Dieses Verbrechen blieb bis heute ungesühnt. Insbesondere wurde kein Fall bekannt, dass von der französischen Truppenführung ernsthaft gegen die Ausschreitungen eingegriffen wurde.

Wäre nur einmal solch eine Plünderung einer Stadt von deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg verübt worden, so würde die Welt noch heute davon widerhallen. Aber von den alliierten Kriegsverbrechen weiß kaum noch jemand etwas, sie stehen in keinem deutschen Schulbuch, wo angebliche deutsche Verbrechen breitgetreten werden, und wurden nie gerichtlich verfolgt. Auch eine offizielle Entschuldigung erfolgte von der verursachenden >Kulturnation< nicht.

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„Schlimme Tage kamen jetzt“

In den Tagebuchaufzeichnungen eines katholischen Geistlichen hieß es über die Lage nach der Okkupation: „Die vertierte Soldateska stürzte sich in die Häuser, die noch standen, oder zerstört waren, aber noch nicht brannten, zerschlugen alles, was sie nicht brauchten, und steckten viele Häuser in Brand, die noch nicht durch die Brandgranaten Feuer gefangen hatten. Ganze Straßenzüge wurden angezündet. Schlimme Tage kamen jetzt. Nichts war mehr sicher, kein Mensch und kein Eigentum mehr.“

Tatsächlich bestimmten die „Tage ohne Gott“ nicht nur Überfälle, Morde und zahlreiche Plünderungsakte, sondern vor allem die brutalen Übergriffe auf Frauen und Mädchen. In dem Film „BeFreier und Befreite“ (Heike Sander/Barbara Johr, 1992) kam die Ärztin Renate Lutz zu Wort, die schilderte, dass eine ihrer Patientin 128-mal missbraucht wurde.

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Gerechtfertigt wurde die Vernichtung der Stadt von französischer Seite damit, dass man auf heftige Verteidigung gefasst gewesen sei. Ein Eindruck, der durch das Dutzend Waffen-SS-Soldaten oder Werwölfe, die vor der Stadt kurzzeitig eine Stellung gehalten hatten, kaum ausgelöst worden sein kann. Faktisch widersprechen dieser Behauptung nicht nur Dauer und Heftigkeit des Beschusses – bei fehlender Gegenwehr –, sondern auch der Fortgang der Dinge.

Jedenfalls stieg die Zahl der Ziviltoten von etwa fünfzig Opfern in den Tagen nach der Kapitulation auf siebzig an. Das lag zum einen daran, dass bei Brandstiftungen durch französische Soldaten auch noch das Rathaus zerstört wurde und man daraufhin alle Männer des Ortes zwischen 16 und 50 festsetzte, um sie wegen „Terrorismus“ vor ein Kriegsgericht zu stellen. Beim Abtransport in Richtung Pfullendorf starben vier von ihnen durch einen Autounfall, bevor das Ganze abgebrochen wurde. Die übrigen Zivilisten kamen ums Leben, entweder weil betrunkene Soldaten auf sie schossen, weil sie ihr Eigentum gegen Marodeure zu schützen suchten, vor allem aber, wenn sie sich als Frauen einer Vergewaltigung entziehen wollten, oder aber Frauen gegen die Übergriffe verteidigten. Man nimmt an, dass es in Freudenstadt etwa 800 bis 1000 Vergewaltigungen gab.

Es dürfte nicht überraschen, dass zwei Drittel der Angesprochenen ein so negatives Urteil über die Soldaten Frankreichs fällten. Die Ursache dafür liegt im systematischen Beschweigen jener Vorgänge bei der Okkupation des deutschen Südwestens, die der Historiker am Koblenzer Landeshauptarchiv Peter Brommer als „delikat“ bezeichnet hat. „Delikat“ erscheinen sie vor allem aus der Sicht einer offiziösen Geschichtspolitik, die im Namen der deutsch-französischen Freundschaft zwar alles tut, um die Erinnerung an die Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs wachzuhalten, aber auch alles, um die Erinnerung an die Zeit der französischen Besetzung deutschen Gebiets auszulöschen.

Sehr früh kam in Umlauf, die französischen Offiziere hätten ihren Männern drei „Freinächte“ für die Eroberung Freudenstadts versprochen. Diese Erklärung erscheint in jedem Fall plausibler als die These, es habe sich um verständliche Racheaktionen derjenigen gehandelt, die vorher in ihrem Land unter der deutschen Okkupation gelitten hatten.

Abgesehen davon, dass ein vergleichbares Vorgehen durch die Wehrmacht bis heute nicht behauptet oder belegt wurde, ist festzustellen, dass die französischen Kolonialgebiete, aus denen die Einheiten in Freudenstadt kamen, niemals unter deutscher Kontrolle standen, und im Fall der dort rekrutierten Marokkaner, Algerier, Tunesier oder Schwarzafrikaner von einer Reaktion gar keine Rede sein kann.

Man hat immer wieder behauptet, dass die Ausschreitungen übertrieben würden oder dass man sie auf ein verständliches Rachebedürfnis zurückführen könne. Dagegen spricht aber schon die Tatsache, dass der Begriff maroquinade (von maroquin für „marokkanisch“) am Ende des Zweiten Weltkriegs als Synonym für derartige Massenvergewaltigungen durch französische Truppen stand, denen auch italienische Frauen – also eigentlich Angehörige einer verbündeten Nation – zum Opfer gefallen waren.

In einem Bericht für den amerikanischen Geheimdienst OSS aus dem Frühsommer 1945 hieß es über die französische Besetzung des deutschen Südwestens: „Vielfach wird angenommen oder aus Ereignissen geschlossen, daß für die ersten 48 Stunden eine besondere Erlaubnis zum Plündern und Vergewaltigen gegeben wurde.“ Im Falle Freudenstadts sollen die französischen Offiziere ihren Männern drei „Freinächte“ im Fall der Eroberung versprochen haben.

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Nach dem Ende der Beschießung drangen am 17. April ab 9 Uhr die farbigen Soldaten des 3. marokkanischen Spahi-Regiments unter dem damaligen, Major (später General) Christian D E C ASTRIES kampflos in die Stadt ein. Ihnen und nachfolgenden französischen Einheiten wurde Freudenstadt von der französischen Führung für drei Tage und drei Nächte zur Plünderung freigegeben: Noch am fünften Tag nach der Besetzung wurden Einwohner bei Tage auf den Straßen von französischen Soldaten ausgeraubt. Planmäßig wurden in den Tagen nach dem Einmarsch von den Franzosen Brände gelegt, besonders an die Behördengebäude und Häuser früherer NSDAP-Mitglieder, nach rund acht Tagen auch noch am Rathaus. Dabei wurde nicht nur das Löschen verboten, sondern deutsche Löschwillige wurden mit Waffengewalt an der Schadensbegrenzung gehindert.

Und was taten die Siegermächte?

Sie saßen 1945 über die Deutschen zu Gericht und verurteilten viele deutsche Soldaten wegen angeblicher Kriegsverbrechen, vor allem, um von den eigenen Kriegsverbrechen abzulenken, die zudem sofort unter eine Amnestie fielen.

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Quelle:

„Beschwiegen im Geiste Europas“

Freudenstadt war kein Einzelfall: Die Verbrechen der Franzosen in Südwestdeutschland 1945

Karlheinz Weißmann

Hans ROMMEL, Vor Zehn Jahren, 16./17. April 1945. Wie es zur Zerstörung von Freudenstadt

gekommen ist,

Oskar Kaupert, Freudenstadt 1955; kürzere Berichte in: Deutsche Wochen- Zeitung, 20. 11. 1954;

ELSA Nr. 34, 1975;

Leserbrief von Josef W. NEIDLINGER, Frankfurt, in: Nassauische Landeszeitung, 20. 2. 1982;

Anzeiger der Not Verwaltung des Deutschen Ostens Nr. 2, März/ April 1982, 11. Jg. ROMMEL, e b e n d a ,

Jean DE LATTRE DE TASSIGNY, Histoire de ia 1ère Arméefrançaise, Paris

1949, S. 520 f.

Bild : Freudenstadt nach dem Inferno am 16. und 17. April 1945. »Zu den 649 vernichteten

Gebäuden zählten alle geschichtlich wertvollen Bauten, fast alle Ämter und Geschäftshäuser und über die Hälfte des gesamten Wohnraumes. « Aus: Gerhard HERTEL, Die Zerstörung von Freudenstadt, Geiger, Horb „1997, S. 80.

weiteres Foto : Screenshot zu den aktuellen Schlagzeilen Freudenstadts am 17.April 2026

Ergänzung:

Nicht viel besser benahmen sich die einrückenden Franzosen 1945 in Karlsruhe, was in der Schrift Karlsruhe 1945 / 5 von Josef Werner mit den Aussagen vieler Erlebniszeugen dargestellt wurde. Darin heißt es über die Vorgänge nach dem 4. April 1945 in der badischen Hauptstadt: »Mit der Brandschatzung am Marktplatz hatte es eine besondere Bewandtnis. Diese Häuser wurden offensichtlich angezündet, um von der »Eroberung« der ersten deutschen Großstadt durch die Franzosen in wirkungsvollen Bildern berichten zu können.

Ein Augenzeuge berichtet: »Man hat hier eindeutig Brände nach Kampfhandlungen

vortäuschen wollen. Auf den Panzern standen Kameraständer, von denen fotografiert und gefilmt wurde.«

Ein anderer Augenzeuge sah, wie dann »französische Truppen formiert durch die Kaiserstraße zogen und in Höhe der in Brand gesetzten Gebäude gefilmt wurden«.

Am 6. April wurde für den folgenden Tag eine Ausgangssperre in Karlsruhe verfügt und durch Anschläge bekanntgemacht.

Am Morgen des 7. April wurden mehrere Häuserblöcke in der Innenstadt am Marktplatz, an der Kaiser- und Lammstraße, in Brand gesetzt – und dann kam General DE GAULLE, der sich vor solcher Kulisse pressewirksam ablichten ließ »im Herzen der brennenden Stadt Karlsruhe«. Er schrieb in seinen Memoiren, er habe am 7, April in »stolzer Genugtuung« den Rhein überschritten: »Danach stattete ich der furchtbar zerstörten badischen Hauptstadt einen Besuch ab.« Dass ein Teil der Zerstörung nur ihm zu Ehren nach den Kämpfen vorgenommen worden war, verschwieg er.


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