Erinnerungen

Ich erinnere mich. Wer noch? PA, ESP, PU.. Werkunterricht…, wie auch immer man es nannte, mein Meister war damals sehr froh als man mich ins Büro „versetzte“…
Und so die sozialistische Produktion vor dem Untergang gerettet werden konnte.
Das muss in der siebten oder achten Klasse gewesen sein.

Ein Rückblick auf längst vergangene Zeiten:

Es muss in der 7. oder 8. Klasse gewesen sein, zum Ende der 1970er Jahre, als wir Schüler uns einmal die Woche auf den Weg machten, um in einem Fabrikgebäude (Görlitzer Turbinenbau) in die Arbeit der Werktätigen „hineinzuschnuppern“. Dieser Tag war also ausgefüllt mit vier Stunden PA (Produktionsarbeit) und zwei Stunden ESP (Einführung in die sozialistische Produktion) oder TZ (Technisches Zeichnen). Es handelte sich immer um Arbeitsbereiche aus Industrie oder Landwirtschaft, z.B. Metallverarbeitung (Feilen, Bohren) oder Montage.

Für mich war das kein schöner Weg. Diese Fabrik-Atmosphäre mochte ich überhaupt nicht. Morgens um 6 Uhr war „Antreten“ im Blaumann, oder man ging zu einem Spind, um sich dort umzuziehen. Um an meinen Arbeitsplatz zu kommen, musste ich immer an den großen Gießöfen vorbei. Das fand ich unheimlich. Dort öffneten die Männer diese Luken, aus denen hohen Flammen schlugen.

Ich bin nie wirklich gerne zur Schule gegangen, aber mit PA hätte ich dann doch gerne getauscht. Dann musste ich so eine olle Stahltreppe mit engen Stufen nach oben laufen. Puh, ich war immer froh, wenn ich heile oben angekommen bin. Und schließlich stellte man mich am „Schraubstock“ ab, gab mir ein Werkzeug, Messschieber u.a., um ein Werkstück zu bearbeiten. Das war nicht meins. Wirklich nicht. Das war einfach nur gruselig. (auch für den Meister). 😅

Und heute bin ich mit einem Schlosser verheiratet.
Verrückt. Wobei ich Schmiedearbeiten wirklich zu schätzen weiß, und wenn mein Göttergatte mal wieder was fertigt, schaue ich gespannt dazu. Aber er lässt mich bis heute nicht an den Schraubstock, geschweige denn etwas ausmessen.

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Es war einmal:

Ein Rückblick auf die guten alten Zeiten und die Görlitzer Maschinenbauanstalt – Turbinenbau

Der Görlitzer Maschinenbau begann, als der Gründergeist auch die Neißestadt umwehte. Die Industrialisierung schritt voran, und der Anschluss an das Netz deutscher Eisenbahnen machte diesen Schritt für Görlitz vielleicht sogar rasanter als für andere Städte. Industrie aber bedeutete Maschinen. Sie wurden gebraucht, um jenen Dampf zu erzeugen, der das Tempo des 19. Jahrhunderts bestimmte. In Görlitz entstand ein Unternehmen, das solche Kraftpakete selbst herstellte.

Im Zweiten Weltkrieg war die Wumag aber mit bis zu 5000 Beschäftigten auch immer mehr Rüstungsproduzent.

1947 wurde der Volkseigene Betrieb (VEB) Görlitzer Maschinenbau (GMB) aufgebaut, der zunächst Brikettpressen und Schiffsdiesel produzierte. 1952 konnte die erste Dampfturbine nach dem Krieg ausgeliefert werden.

Auch der Export stieg wieder an. Neben der UdSSR und China als Hauptpartner lieferte man Turbinen nach Ägypten, Syrien, Indien, Finnland, Kuba, Mexiko, den Iran und weitere Länder. 938 solcher Maschinen wurden es bis 1989.In der VEB-Zeit gehörten auch Triebwerksschaufeln für Militärflugzeuge zum Fertigungskatalog. Der Betrieb übernahm in Görlitz Schwerpunktaufgaben für den UTP (Unterrichtstag in der Produktion für Schüler der Klassen acht bis zehn).

Mit Einführung der D-Mark zogen Inlandskunden jedoch ihre Bestellungen zurück und RGW-Verrechnungsrubel waren nicht mehr annehmbar. Mit dem Schwinden der Aufträge gingen Arbeitsplätze verloren. Waren in der DDR über 2 000 Werktätige zugange, waren es bald nur noch 700. Der Betrieb wurde am 1. Juni 1990 GmbH und suchte nach Partnern. Bereits 1984 hatte es Kontakte zu Siemens gegeben, und dort war man für einen Kooperationsvertrag bereit. Vereinbart wurde ein umfassendes Modernisierungsprogramm. Veraltete Anlagen wie die Gießerei wurden bald schon geschlossen.

Am 1. Mai 1991 erwarb Siemens den Betrieb von der Treuhand.

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Text in Teilen aus der Sächsischen Zeitung Artikel aus 2016 vom 15. Oktober

Aufnahmen aus Görlitz um die Jahrhundertwende Schriftenreihe Neue Folge Heft 14

Beitragsfotos sind Beispielbilder…,Netzfund.


Eure Kommentare:

Wir Mädchen im Westen hatten „Handarbeiten“ die Jungs „Werken“. Frau Meier zu Beerentrupp (echt!) hasste mich. Ich habe zuhause darum gebeten „Werken“ zu dürfen. Keine Chance! Ich habe in „Handarbeiten“ die meisten Klassenbucheinträge meiner ganzen Schullaufbahn kassiert.

An diesen Schraubstöcken (heißen die eigentlich so?) mußten wir damals auch werkeln. Das war nicht gerade mein Lieblingsfach. Doch im Vergleich zu diesem PA Unterricht, war das Arbeiten am Schraubstock noch angenehm. Manchmal wurden wir auf die KAP geschickt. Die KAPs wurden ab den 1970er Jahren eingeführt, um die Feldwirtschaft mehrerer Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) und Volkseigener Güter (VEG) zusammenzufassen. Auf dem sogenannten Volkseigenen Gut in meinem Heimatort in Mecklenburg mußten wir einmal zum UTP Unterricht in einem riesigen Schweinstall arbeiten. Sie drückten uns einen Spachtel in die Hand und wir sollten die Böden vom Kot der Schweine abkatzen. Es waren noch kleine Schweine und in einigen Koben lagen die toten Ferkel herum. Das war schrecklich. Manchmal setzten sie uns Schüler auch zum Sammel von Stinen auf die großen felder ein.

In Jena wurden Bügeleisen für den goldenen Westen hergestellt. Es gab bei den Zeisswerken, in der Lehrlingsausbildung, eine Produktion für die Schulklassen. PA Unterricht. “ Produktive Arbeit “ Ich glaube die Qualitätsprodukte aus dem Osten, gingen an Quelle. Die wurden vom VEB Betrieb in den Westverpackungen ausgeliefert. Von der Herkunft wusste im Westen nur sehr wenige Leute.

„Einführung in die sozialistische Produktion“; draußen vor der Tür, sah man ist schonungslose Wirklichkeit. In der Rückschau einfach lächerlich.

ESP-Theorie. Ich hasse Theorie! War mein freier Tag. Eine Zensur und ich war wech An so einer Werkbank habe ich Stollenzeichen gefeilt.

Für mich als Junge war es genau das Gegenteil der Fall. Ich habe jedes praktische Wissen in mich reingezogen und war Stolz wie Oskar wenn die „Alten“ mich brauchten. Auch mit GST und sonstiges hatte ich keine Probleme. Zur Hochform bin ich im Winter 78/79 aufgelaufen. Mit den Alten gemeinsam das unmögliche geschafft!

Stressig wurde es immer dann wenn die Kommunisten anklopften und ich keinerlei Interesse an denen hatte.

Ich hatte zumindest da Glück, denn in dem Jahr in dem ich zum PA-Unterricht musste, fiel die Mauer. Ich war ein, zwei mal im Schaltgerätewerk Bad Muskau und ich fand es auch einfach nur abartig und krank. Diese Latzhose allein war schon so etwas wie ein erniedrigender Sklavenanzug. Und die Arbeitsbedingungen, Staub, Lärm, kaltes Licht. Am Schraubstock Metallplatten feilen und bohren hat mich auch richtig traumatisiert, ich wusste gleich das das eine der schlimmsten Arten zu leben sein muss. Aber ich hab in meinem Leben noch einige viel schlimmere Arbeiten ausgeübt. So zu leben ist einfach nur krank und kaum zu ertragen, vor allem, wenn man von den ganzen Errungenschaften der Menschheit weiss, die extra zerstört, verhindert oder uns vorenthalten werden, nur damit wir dieses „Leben“ führen müssen….

Mit Schule, UTP und ESP erging es mir wie dir! Ich, wurde bei Robur begruselt Da gab es immer erstmal eine 5 in Ordnung, weil wir unser Namens Sticker nicht auf der Hose hatten. Wirklich brauchbares zu lernen gab es bei all diesen Maßnahmen nicht.

Die Industrialisierung hat die alten und lange existierende Strukturen so nachhaltig zerstört, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie es vorher war. Über die Industrialisierung wurden viele Handwerksbetriebe und deren Infrastruktur und somit auch das Umfeld für Kinder zerstört. Sie war ein Teil des Abnabelns von allem Ursprünglichen. Gehört auch zu einem Beitrag, den ich vor Kurzem erst verfasst habe: „Leben wir noch artgerecht? 

Oh, oh, das kenne ich zu gut. Wir hatten in Nordhausen im Hochbaukombinat UTP und ESP, wechselte wöchentlich. Ich habe die Jungs immer für mich bohren lassen. Bis jetzt nehme ich nur widerwillig eine Bohrmaschine in die Hand. ESP habe ich gern gemacht, vorallem Technisches Zeichnen.

Das mit dem PA ging ja noch..Das.ESP war “ Schlafenszeit“ – zumindest kann ich mich nicht mal Ansatzweise erinnern da was mitbekommen zu haben. Aber es kam nach der Schule noch schlimmer..Ich „musste“ im VEB Motorenwerk Cunewalde meine Lehre machen..Das, liebe Freunde war die reinste Hölle !


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