Sieben Episoden aus der Nachkriegszeit – die Zeit nach der sogenannten „Befreiung“

Vielen Dank an dieser Stelle an den „Görlitz Insider“ für die Veröffentlichung der Berichte einer Erlebnisgeneration (vom 7. Mai 2025) , die in Episoden hier dargestellt werden. So haben es auch meine Eltern und Großeltern erleben müssen.

Den vollständigen Beitrag vom „Görlitz Insider“ findet ihr im Kommentar

„Episode 1 – Die Schreie der Frauen durch Weinhübel

Mai 1945, die Russen ziehen durch Görlitz. Die sogenannten „Befreier“. Sie befreien aber nichts, sondern sie schänden die Frauen. Eine perverse Kriegstechnik, die in meinen Augen noch überhaupt nicht aufgearbeitet ist.

Meine eigene Oma (zu dem Zeitpunkt 37) sitzt einen ganzen Tag mit den beiden Töchtern (16 und 4) auf dem Dach des Wohnhauses. Ihr Mann ist mit dem Sohn in der Wohnung geblieben, wissend, dass er sie nicht beschützen könnte. Schreie hallen durch Weinhübel von Frauen, an denen sich die Russen vergehen. Anhand der Schreie wissen die Bewohner, wo die Russen genau sind – und hören, wie sie näher kommen.

Oma und ihren Töchtern (meinen Tanten) passiert nichts. Das Thema wird aber totgeschwiegen in der Familie. Ich musste es regelrecht erzwingen, dass mir jemand das Dach zeigt. Eine Mauer des Schweigens und der Scham versteckt oft die Wahrheit der Gräueltaten.

Der erste Schritt zur Heilung von Familienthemen ist sie offen auf den Tisch zu legen!

Episode 2 – Der Vater, der seine Töchter erschlug

Die massenhaften Vergewaltigungen der Russen geschehen nicht nur in Weinhübel. In Ludwigsdorf kennt der Heimatverein die Geschichte eines Einwohners, wo „der Vater die Töchter erschlagen hat aus Angst vor den Russen und sein Selbstmord hat nicht gleich geklappt. Alles schrecklich.“ Er versuchte sie zu schützen vor den Russen, in dem er sie vorher „erlösen“ wollte, um ihnen direkt zu folgen.

Welch Verzweiflung in den Menschen! Und welch Schock für die Nachbarn, ja das ganze Dorf!

Episode 3 – Vergewaltigte Gärtnerinnen des Friedhofs

Max Opitz hat Tagebuch geschrieben vom 8. Mai 1945 – 5. Juli 1945. Darin am 15. Mai verzeichnet: „Am gleichen Tage mußten auch auf dem Friedhof arbeitende Gartenfrauen Vergewaltigungen von herumziehenden Russen erdulden.“

„Erdulden“? Was für ein schlecht gewähltes Wort, wo Worte schlicht fehlen, um die massenhafte Schändung der Frauen in Görlitz nach dem Krieg zu beschreiben.

Wie viele wurden in dieser Zeit innerlich gebrochen? Wie viele lebten fortan schwer traumatisiert? Wie viele wählten in den nächsten Wochen, Monaten, Jahren selbst den Freitod? Wie viele waren für ihre Kinder nicht mehr ansprechbar? Und wie viele Kinder entstanden aus diesen Vergewaltigungen, die ungeliebt oder ins Heim gegeben in ein von vornherein verpfuschtes Leben starteten? Diese Fragen sind nicht nur rhetorisch, sondern ganz real für unser heutiges Leben.

Ein Beispiel folgt hier:

Episode 4 – Das verpfuschte Leben eines solchen Kindes

Ich kenne eine wunderbare Familie, alles tolle Leute. Jedoch: Der älteste Sohn war ein Kind einer solchen Vergewaltigung eines Russen. Die Mutter bekam ihn dennoch, zog ihn auf, behandelte ihn gleich wie alle weiteren Geschwister. Das war vielleicht schon mehr, wie viele andere Frauen im Stande gewesen wären zu leisten.

Der Junge wuchs heran, verfiel bald dem Alkohol und vergewaltigte selbst. Sein eigener Sohn entstand brutal und nicht einvernehmlich mit seiner Partnerin. Da er sich zusätzlich begann an den eigenen Töchtern zu vergreifen, kam er ins Gefängnis und starb frühzeitig.

Womit wir im Heute ankommen: Seine Töchter kämpfen bis heute mit den Geschehnissen. Alkoholprobleme spielen dabei erneut eine Rolle. Alle anderen Kinder der 1945 vergewaltigten Mutter, die mit ihrem eigenen Mann entstanden, sowie deren Nachkommen sind wunderbar und liebenswert. Sind es also die Gene des russischen Vergewaltigers?

Episode 5 – Das Schweigen und die Irrtürmer in den Familien

Der Opa einer Freundin starb im Krieg. Verschiedene Versionen waberten bis in die Gegenwart in der Familie:

1. Er soll als Pilot bei einem Flugzeugabsturz im Krieg geblieben sein. – Version der Cousine der Mutter.

2. Er soll ins „Gelbe Elend“ nach Bautzen verbracht worden sein und dort gestorben sein. – Version der Mutter.

3. Er starb verschleppt ins Stalag in Torgau. – Die Wahrheit bei ihren Nachforschungen!

Die Wahrheit kam erst mit Briefen, die die Oma bis zu ihrem Tod heimlich aufbewahrt hatte, und der Recherche-Hilfe des Deutsch-Rotes-Kreuz schwarz-auf-weiß ans Licht – zur großen Überraschung der meisten in der Familie. Tatsächlich war der Opa bei einem Heimatbesuch von russischen Soldaten abgefangen worden, als er sich zum Zahnarzt begeben wollte. Da er als Soldat in Russland war, warf man ihm Gräueltaten vor. Dort war er zur Aufsicht der russischen Bauern abgestellt und dabei sehr human und gütig. Er lehrte sie viel über Landwirtschaft und misshandelte keinen Einzigen. Die Oma setzte alle Hebel in Bewegung, ihren Mann aus der Gefangenschaft zu befreien. Sie besorgte sogar Aussagen von den russischen Bauern und Lazarettärzten, um seine Unschuld zu beweisen. Vergeblich.

Die Oma schwieg nach der Ermordung ihres Mannes für immer zu dem Thema.

Die Tochter und Cousine entwickelten die vagen Versionen der Geschehnisse.

Meine Freundin (Enkelin vom Opa) nahm es auf sich, Licht ins Dunkle zu bringen. Niemand kann je Familienthemen aufarbeiten, wenn sie unter einer Mauer des Schweigens oder Irrtümern begraben sind.

Sie sagt heute:

„Es ist das Thema der Epigenetik. Alles was da abgespeichert ist von unseren Vorfahren, was da noch nicht verarbeitet wurde, tragen wir weiter mit. Und oftmals haben wir das Gefühl: „Ich weiß nicht, irgendwas haut hier überhaupt nicht hin. Ich fühl mich gar nicht wohl und ich kanns überhaupt nicht mit mir in Zusammenhang bringen.“ Das ist dann halt der Moment, wo diese ungelösten Sachen unserer Ahnenlinie in uns stecken. In unseren Zellen, in unserem Nervensystem, in unserer DNS – und angesehen werden wollen.“

Episode 6 – Das Haus in der Altstadt

Eine Freundin sagte zu mir im Zuge dieser Themenwoche:

„Ich würde heute vielleicht auch in der Altstadt wohnen, wenn unser Haus hinterm Rathaus noch stehen würde.“ Ich sagte, dass die Häuserzeile Jüdenstraße doch erst nach 1945 abgerissen wurde. Die Freundin erklärte: „Das Eckhaus Rosenstraße/Rathausstraße (heute Judenstraße) wurde getroffen. Das machte die gesamte Häuserzeile instabil und stückweise wurden Häuser von der Rosenstraße Richtung Nikolaiturm abgerissen. Unseres 1955, da es erhebliche Risse bekam.“

Jetzt waren wir in der Epigenetik. Ich sagte: „Verrückt, da warst du nicht mal geboren.“ Und die Freundin antwortete: „Mutti hat als Baby und Kleinkind noch drin gewohnt. Ein Trauma für Mutti und ihre Mutti. Heimat verloren!“

Nur eine Geschichte, die meine Freundin geschluckt hatte, weil Mutti und Oma immer vom alten Haus in der Jüdenstraße erzählten? Oder doch ein tief sitzender Verlust, der bis in die DNA der weiblichen Ahnenlinie vorgedrungen ist?

Heute steht dort ein Parkhaus, was sich für nahezu alle Görlitzer „falsch“ anfühlt an dieser Stelle (auch wenn es äußert nützlich ist an dieser Stelle). Aber Gefühl und Logik sind eben zweierlei.

Ebenso „falsch“ fühlt sich das City-Center an im Herzen der Innenstadt. Ein Fehler im gefühlten Stadtkörper und in der DNA der Görlitzer. Das erklärt vielleicht, warum bestimmte Baumaßnahmen immer wieder zu heftigen Reaktionen in der Bevölkerung führen. Wir sind unsere Stadt.

Episode 7 – Die schweren Darmprobleme

Der Krieg ist vorbei, der Vater der Familie hat zum Glück überlebt. Es gibt 3 kleine Söhne. Im Juni 1945 wird ein Pferd geschlachtet, es soll Pferdefleisch geben. Das Fleisch liegt roh als Gehacktes da und soll den nächten Tag gebraten werden, damit sich keiner was holt. Der Vater weiß das nicht und ist das rohe Gehackte. Er stirbt jämmerlich daran. Der Ernährer der Familie ist weg. Die Familie steht mit einem großen Bauernhof plötzlich alleine da. Es ist schwer traumatisch für alle.

Die Söhne entwickeln im Laufe ihres Lebens ebenfalls Darmprobleme, einer muss sogar operiert werden. Schwerer noch erwischt es die Enkelinnen des 1945 Gestorbenen – womit wir wieder in der Jetzt-Zeit sind. Sie haben ihren Opa nie kennengelernt! Beide kämpfen intensiv und über Jahre mit Darmproblemen. Die eine Anfang 20, die andere Ende 50. Und nochmal: Es ging um verdorbenes Fleisch, nicht um anatomische Dispositionen.“

—————————————

Infotafel /persönliche Anmerkung – aus den Niederschriften meiner Mutter:

• 1945 Mit dem Einzug der Roten Armee begann Rechtlosigkeit. Die Deutschen wurden Freiwild. Plünderung, Vergewaltigung und Mord. Diese Zustände hielten bis mehrere Jahre nach Kriegsende an. Polen (aus dem Inneren des Landes) zogen durch Städte und Dörfer plündern und mordend. Durch Ermordungen und Verschleppungen sind allein 874 000 Schlesier diesem Verbrechen zum Opfer gefallen. Es waren nur alte Männer, alte und junge Frauen und Kinder.


Zur Ergänzung: Aus den Kommentaren übernommen, zur Richtigstellung

Ja – und vor allem waren es keine wirklichen Russen, die diese Morde und Schändungen betrieben. Ab Mitte 1944 geschah in USA und Russland das gleiche… Mörder, Vergewaltiger, Schwerkriminelle wurden aus Gefängnissen geholt, ebenso Psychopathen, in Uniformen gesteckt und an die Front geschickt. Sehr viele mongolische Russen waren darunter, diese wurden auf die deutschen Frauen und Kinder losgelassen, Churchill wollte ja immer schon das deutsche Blut verdünnen…, wer sich mit Genetik etwas auskennt, weiß, was in so einem Fall geschieht, und lange Zeit nicht mehr möglich ist…

Ja, das ist wohl wahr. In meinen, von mir persönlich verfassten Beiträgen, achte ich vermehrt darauf, dass zumindest Sowjets steht. Und ja, die dort Ausgesandten waren keine russischen Soldaten, sondern ein durcheinander gewürfeltes Verbrecherkomittee zum Morden beauftragt.

Sehr interesant, die Verbindung zur Epigenetik, und was in Goerlitz passiert betreffs der Bauwerke und die Verbindung zu den Menschen, die reagieren. Das ist mir neu und mag ein viel dramatischeres Licht werfen auf das Vertriebensein…

Wir selbst, in Dresden geboren , sind gefluechtet in den Westen , nun lebe ich in Mexiko. Das Entwurzeltsein mag Seine eigene Dynamik haben…

So sind Kriege , auch wenn Ihre offizielle Dauer kurz ist, von so tiefer Zerstoerungskeaft fuer so viele.

Ich weine oft beim Lesen Ihrer Beitraege, vermute, ich bin nicht der Einzige.

Kann das eine Rueckverbindung sein mit unsere gemeinsamen Wurzeln?

Hat zwar nichts mit Vergewaltigung zu tun, passt aber zum Thema.

Ich bin 73er Jahrgang und hab meine ersten 6 Jahre in einem Dorf etwa 30km nordöstlich von Dresden verbracht.

Als Kind vesteht man das ja gar nicht alles.

Da gab es einen älteren Mann. Der war, in unseren Kinderaugen, wunderlich. Wir neckten ihn und er wehrte sich nie sondern lief immer weg und machte komische Geräusche dabei. Er starb meines Wissens nach, irgendwann in den 80er Jahren.

Ende der 90er hat mir dann mal eine meiner Grosstanten erklärt, warum er war wie er war.

In dem Ort gab (und gibt es heute noch) ein Mehrfamilienhaus mit einer Drogerie im unteren Stockwerk und eimem grossen Gewölbekeller.

Da der Ort im Frühjahr 45 von der SS verteidigt wurde, wollte die Rote Armee ein Exempel statuieren.

Es wurden fast alle männlichen Einwohner in Alter von 12-60 in diesen Keller getrieben und dann haben die Russen durch die Kellerfenster geschossen mit Maschinengewehren.

Er war der einzige Überlebende damals. Kein Wunder, das er zeitslebens traumatisiert war.

Wir Kinder wussten das damals natürlich nicht. Ich fühl mich heute noch schlecht, wenn ich daran denke.

Dieses Verbrechen wurde nie aufgearbeitet. Die „Freunde“ sollten ja nicht schlecht gemacht werden.


Hinterlasse einen Kommentar