Wir nähern uns dem Abgrund; ein allgemeiner geistiger Untergang steht bereits bevor; ein körperlicher wird bald aufflammen und uns und unsere Kinder verschlingen, während wir weiterhin verlegen lächeln und plappern:
„Aber was können wir tun, um es aufzuhalten? Wir haben nicht die Kraft dazu.“

An dem Tag, an dem Solschenizyn verhaftet wurde, dem 12. Februar 1974, veröffentlichte er den Text von „Lebe nicht von Lügen“. Am nächsten Tag wurde er in den Westen verbannt, wo er wie ein Held empfangen wurde. Solschenizyn setzt „Lügen“ mit Ideologie gleich, mit der Illusion, dass die menschliche Natur und die Gesellschaft nach vorgegebenen Spezifikationen umgestaltet werden können. Und in seinem letzten Wort, bevor er sein Heimatland verlässt, fordert er die Sowjetbürger auf, als Individuen nicht mit den Lügen des Regimes zu kooperieren.

Selbst die Zaghaftesten können diesen am wenigsten anspruchsvollen Schritt in Richtung geistiger Unabhängigkeit tun. Wenn viele gemeinsam diesen Weg des passiven Widerstands beschreiten, wird das ganze unmenschliche System wanken und zusammenbrechen.
Wahrheit beginnt im eigenen Kopf!
„Die Trennlinie zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.“ – Es ist unsere Pflicht und unser täglicher Kampf, gut zu sein, Gutes zu tun und dem Bösen in unseren Köpfen zu widerstehen“.
(Auszug aus „Lebe nicht von Lügen“ von Alexander Solschenizyn, am Tag seiner Verhaftung am 12. Februar 1974)

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Es ist auffällig und doch fällt es kaum jemandem auf.
Eben die, welche die Völker gegeneinander aufgewiegelt haben, rufen später zum gegenseitigen Verzeihen auf. Ungeachtet der Tatsache, dass dabei großes Unrecht geschieht. Doch das fällt zunächst nur den Wenigsten auf. Das Täter-Opfer-Bild steht längst fest.
Man ruft also zur Freundschaft auf, faselt etwas von Verzeihen, appelliert für ein gutes Miteinander und vergisst darüber (bewusst) das Leid der einen Seite, während die fein säuberlich unter den Tisch gekehrten Verbrechen von anderer Seite nie aufgearbeitet worden sind. Über den Schuldkult lässt man ganze Völker am langen Arm „verhungern“, und hält das Täter-Opfer-Bild aufrecht , schürt Hass und zeigt mit dem Finger auf andere. Und das wie so oft, unter dem Mäntelchen der Humanität.
Und wie wir wissen: Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei. Das wusste schon Gottfried Seume seiner Zeit zu sagen.
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Alexander Solschenizyn beschreibt in einem Gedicht (Ostpreußische Nächte) sein Zusammentreffen mit einem deutschen Kommunisten, der die vermeintlichen russischen Befreier mit Brot und Salz begrüßt. Nach einigem Hin und Her wird er abgeführt – sicher ein Spion, man weiß ja, dass „alle Deutschen Faschisten“ sind! Noch im Gehen bittet er, zu Hause nach seiner Frau zu sehen. Aber dort findet man nur noch Tote und Sterbende.
Der Dichter beschließt die Episode:
„Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe,
und die Weiber – Leichen bald.
Schon vernebelt, Augen blutig,
bittet: Töte mich Soldat!“
Solschenizyn gibt als Entstehungsdatum 1950 an — damals war er bereits fünf Jahre in Haft.
Im Februar 1945 war der Artilleriehauptmann wegen antistalinistischer Äußerungen an der Front in Ostpreußen verhaftet, im Juli in Moskau zu acht Jahren Straflager verurteilt worden. In der Haft begann er zu schreiben. Da er Entdeckung und Vernichtung seiner Arbeiten fürchten musste, fasste er sie zunächst in Versform und lernte sie auswendig.
Er beschreibt detailliert Gewalt, Raub, Vergewaltigungen und Morde an der Zivilbevölkerung und thematisiert die Schuld und die Verrohung der eigenen Soldaten, die sich an den Opfern rächten und selbst zu Tätern wurden.
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