Zur Erinnerung und im Gedenken an den 16. /17. Mai 1943 – Bombardierung von Möhne- und Edertalsperre

Ein Sonderberichterstatter … erzählt: „Ich bin durch das grün umwaldete Tal gewandert, durch dessen Windungen sich die Wasser pressten, über geknickte Bäume und gestürzte Marienaltäre.
Bauern vergruben das ertrunkene Vieh in den Wäldern. Vor der Stadt lagen Baracken: sie tanzten wie Archen auf der hohen Woge und zerschellten.“
Die Hilfdienststellen verteilen Brot, Milch und Kaffee … an die Einwohner, deren Küchen von Gas- und Stromzufuhr abgeschnitten, unbrauchbar geworden sind, und an die Unglücklichen, die mit allem Hab und Gut auch ihr Obdach verloren.
Feldküchen bringen Suppe. Unterdessen hat der Tauschhandel … auch hier Platz gegriffen: Die Bevölkerung tauscht Schuhe, Strümpfe, Kleider untereinander.
Hie und da erfährt man, wie es im Augenblick der Katastrophe zuging, … Erst habe man nur an das von Zeit zu Zeit übliche Hochwasser geglaubt, erzählt ein Mann aus einem der untergegangenen Dörfer, aber da sei die Flut schon in den Ort gedrungen. Ein anderer berichtet: Er habe das Wasser zuerst am Fuße des dunkel schattenden Berges gesehen, schäumend und wirbelnd.“

+++ Der Flutwelle geht eine dichte Nebelwand geht voraus, der – verdeckt – die bis zu 2.50 Meter hohe Flutwelle folgt. +++

Es ist ein besonderes Kapitel im alliierten Bombenterror des Zweiten Weltkriegs:
Die Bombardierung der westdeutschen Talsperren im Jahre 1943.

Sie bildet ein Beispiel für die – wie sich dann herausstellte – ziemlich sinnlose Zerstörung ohne Rücksicht auf den Tod Tausender von Zivilisten, darunter auch zahlreicher ausländischer Fremdarbeiter. Bezeichnend ist, daß diese Maßnahme schon vor dem Zweiten Weltkrieg von den Briten »in den Einsatzplänen des Bomberkommandos vorgesehen war«. (siehe Beitragsfoto)

Sie wurde in der mondhellen Nacht vom 16. auf 17. Mai 1943 für die Möhne-, Eder- und Sorpetalsperre von der eigens dazu aufgestellten und trainierten britischen 617. Royal Airforce-Staffel durchgeführt.
Es war ausdrücklich von den Briten, die Zeit des höchsten jährlichen Wasserstandes in den Talsperren nach Schneeschmelze und Frühlingsregen ausgewählt worden. Unter dem Befehl von Oberstleutnant Guy GIBSON starteten dazu 19 Lancaster-Bomber in Südengland.
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Dieses verbrecherische Unternehmen, für das, wenn es deutsche Militärs befohlen und durchgeführt hätten, sie sicher als Kriegsverbrecher angeklagt und verurteilt worden wären, wurde von den Briten als entscheidender Schlag gegen die Industrie des Ruhrgebietes gefeiert.
Die ausführende Staffel 617 erhielt nach diesen Angriffen ein neues Abzeichen: einen zerbrochenen Damm mit Blitzen darüber und darunter die Unterschrift: »Nach mir die Sintflut«

Später erschienen zahlreiche Bücher über diese Angriffe, und ein britischer Film verherrlichte das Unternehmen >Chastice< (Züchtigung), unter welchem Namen diese Operation bei den Briten gelaufen war. Zu dem noch 1954 gedrehten Film The Dambusters über das grauenvolle Geschehen schrieb der britische Komponist Eric COATES die Begleitmusik: »The Dambusters‘ March«. Man stelle sich vor, eine deutsche Spezialeinheit des Zweiten Weltkrieges würde so herausgestellt!

Doch die Rechnung der Alliierten ging nicht auf. Die Kriegsproduktion des Ruhrgebietes, das seinen Wasserbedarf und einen wesentlichen Teil seiner Elektrizität aus Möhne- und Sorpetalsperre deckte, wurde kaum behindert. Bereits nach rund acht Wochen waren in Tag- und Nachtarbeit, vor allem von der Organisation TODT, die Breschen in den Staumauern geschlossen, und die Tal- sperren konnten ihre Aufgabe wieder erfüllen. Nach vier Monaten stand auch der Damm der Edertalsperre wieder.

Die Londoner Times schrieb dann auch zum 50. Jahrestag von einem »strategischen Unsinn« dieses Unternehmens“.

Zum 50. Jahrestag wurde im Sauerland mit einem ökumenischen Gottes- dienst der Katastrophe und der Tausende toter Zivilisten gedacht.
In London dagegen ehrte die 92jährige Queen Mum die Angehörigen der 617. Staffel am Imperial Museum, über das eine Ehrenformation von Tornado-Maschinen flog. Massenmord an Frauen und Kindern wird dort noch gefeiert.

Bei dieser Bombardierung der deutschen Talsperren sei an das Völkerrecht, hier an das Haager Abkommen vom 18. Oktober 1907, erinnert:
u.a. an
• Art. 25 (Unverteidigte Stätten). Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch sei, anzugreifen oder zu beschießen.«
• »Art. 22 (Mittel zur Schädigung des Feindes). Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes

Anmerkung: Nur 12 Tage später erfolgte ein „Luftangriff“ der britischen Luftwaffe auf Wuppertal. Mehr als 2500 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Inf-Tafel und Quellenverzeichnis:
Diese Angaben von Jobst KNIGGE, dpa, im Malier Tagblatt vom 12. 5. 1993; IRVING, aaO., 1967, S. 140, schreibt vom Möhnesee: »Mindestens elfhundert Leichen sind bestattet worden.«

Janusz PLEKALKIEWICZ gibt in: Der Zweite Weltkrieg (Pawlak, Herrsching 1986, S. 811) für Eder- und Möhnetalsperre zusammen an: »Mehr als 2000 Personen sterben in den Fluten der entfesselten Wassermassen.«

Andreas HILLGRUBER und Gerhard HÜMMELCHEN geben in ihrer Chronik des Zweiten Weltkrieges. Kalendarium militärischer und politischer Ereignisse 1939-45 (Athenäum-Droste, Königstein-Düsseldorf 1978, S. 171) dazu an: »Im Möhne-Ruhr-Tal 1217 Tote unter der Zivilbevölkerung, darunter 718 Fremdarbeiter.«

In Christian ZENTNER und Friedemann BEDÜRFTIG (Hg.), Das große Lexikon des Zweiten Weltkrieges (Südwest, München 1988, S. 163) werden für beide Tal- sperren 2009 Ertrunkene angeführt.

Werner Symanek, Gladbeck 1992; David IRVING, Und Deutschlands Städte starben nicht, Schwei- zer Verlagsshaus, Zürich 1967

Ludwig PETERS, Volkslexikon Drittes Reich. Die Jahre 1933-1945 in Wort und Bild, Grabert, Tübingen 1994, S. 178, gibt 50-300 an;

Ursula WOLKERS, Vom Edertal zum Edersee, Bing, Korbach 21990, S. 24, gibt 47 Todesopfer an.

Dr. med. dent. Robert Otto MUTH, Unna, in einem Leserbrief in: Frankfurter Allgemei-ne Zeitung, 28. 5. 1993.

Albrecht RANDELS- HOFER (Hg.), Völkerrechtliche Verträge, Beck- Texte Nr. 5031, Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 51991, S. 600.

Helmut BREUER, »Die Rechnung ging nicht auf«, in: Die Welt, 13. 5. 1993.

Bilder aus der Jahrhundertbibliothek des 20. Jahrhunderts, Bertelsmann Verlag 1943 S. 90


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