„Schläge im Namen des Herrn“ – ein oft verdrängtes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte

Eine weitere Entdeckung auf unserer letzten Reise, die nicht unerwähnt bleiben sollte.

Weil wir eine andere Route als gewohnt fahren mussten, fuhren wir an einem für uns bis dahin völlig unbekannten Ort vorbei, der etwas „mulmiges“ in uns auslöste. Wir konnten es nicht sofort benennen. Die Häuser wirkten wie Kasernen und auch sonst hatte dieser Ort etwas Beklemmendes an sich. Auf einem großen Schild stand „Bethel“, was auf eine evangelische Einrichtung verwies. Während wir dieses wenig einladende Städtchen dann schon einige Kilometer hinter uns gelassen hatten, forschte ich ein wenig nach. Und siehe da, dieser Ort (Freistatt) bewahrt eine dunkle Vergangenheit.

Wir lesen von grausamen Erziehungsmethoden in einem evangelischen Jugendheim und von erschütternden Erfahrungen von jungen Menschen Ende der 1940er- bis Mitte der 1970er-Jahre

Moorhort, bekannt als Kulisse aus dem Film „Freistatt“ (2015), wurde im Jahr 1901 als Erziehungsheim im Freistätter Moor erbaut. Seitdem hat das Gebäude vielfältige Nutzungen erlebt. Am prägendsten war jedoch die Nutzung als Heim für jugendliche „Zöglinge“ in der Nachkriegszeit.

Das Haus Moorhort steht wohl sinnbildlich für viele Schrecken, denen Kinder und Jugendliche in Freistatt ausgesetzt waren. Schon die Architektur ist einmalig, auffällig und bemerkenswert – und nicht zuletzt auch bedrohlich.

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… „Das Ziel der Heimerziehung ist es, den Zögling zur christlichen Persönlichkeit zu bilden, indem wir ihn zum Glauben erziehen und den ganzen Menschen mit seinen natürlichen Anlagen für den Dienst der Liebe emporbilden.“ …

So stand es in einem Leitfaden der Diakonie Freistatt geschrieben, einer Einrichtung für „aufsässige“ Jugendliche unweit der niedersächsischen Kreisstadt Diepholz. Die Realität sah allerdings häufig anders aus. Statt christlicher Unterweisung waren Gewalt und Erniedrigung fest im Heimalltag verankert. Erfahrungen, wie sie nicht wenige der 800.000 Mädchen und Jungen machten, die von Ende der 1940er- bis Mitte der 1970er-Jahre in rund 3.000 kirchlichen und staatlichen Fürsorgeanstalten in Deutschland lebten.

Freistatt war eine Zweigstelle des diakonischen Stiftungswerks Bethel und galt als eines der härtesten Heime der Bundesrepublik. Aber sie war nur eins von vielen: In rund 3.000 geschlossenen Einrichtungen waren bis in die 1970er eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche eingesperrt – aus nichtigen Gründen: Schule schwänzen, Bummeln in der Ausbildung – oder weil Nachbarn den Lebenswandel der Eltern beim Jugendamt denunzierten.

Über die Misshandlungen wurde lange geschwiegen. Auch als Anfang des Jahrtausends das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ des Journalisten Peter Wensierski erschien, war zunächst von „Einzelfällen“ die Rede, und die Kirchen weigerten sich, die Opfer zu entschädigen. Ausgerechnet Freistatt ist eine rühmliche Ausnahme: Die Diakonie hat die Dreharbeiten am Originalschauplatz nicht nur gebilligt, sondern auch kostenlos Sachmittel zur Verfügung gestellt. „Ohne diese Unterstützung hätte es den Film nie gegeben“, sagt Brummund.

Es gibt also sogar einen Film darüber. Dieser zeigt, wie die Jugendlichen verrohen – und wie sie sich unter dem Druck drohender Kollektivstrafen gegenseitig disziplinieren. Damals hat kaum jemand den Kindern geglaubt. Bethel sei ein unangreifbarer Name gewesen. Die Heimaufsicht habe nichts hinterfragt, wo die Kirche den Daumen drauf hatte. Der Junge (Rosenkötter), der das alles erlebt hat und für den Film Zeuge stand, hat selbst 40 Jahre lang darüber geschwiegen.

Über Zwangsarbeit und Drohung wurden die meisten der Kinder und Jugendlichen psychisch gebrochen.

Diese perfiden Methoden, um die Kinder zu brechen, haben letztendlich auch dazu geführt, dass die Kinder über lange Zeit und großteils still geblieben sind, sich nicht gewehrt haben und es auch dazu geführt hat, dass es keine Gruppenbildung untereinander gab. Insofern ist dieser Zustand, alle laufen mit, alle machen mit, bis dann irgendwann einmal einer ausschert, auch der Normale.

Beim Essen dürfen die Jungen erst dann sprechen, wenn sie von den Erziehern die Erlaubnis erhalten. Mahlzeiten werden bei individuellem Fehlverhalten für alle gekürzt oder gestrichen, so dass sich die Bewohner gegenseitig brutal disziplinieren. Und zur Zwangsarbeit im Moor marschieren die Insassen in soldatischem Gleichschritt.

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Aus DDR Zeiten sind solche Heime nicht unbekannt. Die Umerziehungsmethoden sind denen der „Diakonie“ und anderen „Umerziehungsanstalten“ sehr ähnlich.

Auch ich musste in meiner pädagogischen Ausbildung brav „Der Weg ins Leben“ von Makarenko lesen. Und in vielen Heimen für sogenannte „schwer Erziehbare“ kam es zur Umsetzung von diesen darin verankerten und mehr als fragwürdigen Methoden. Makarenko war ein sowjetischer Pädagoge, NKWD Funktionär und Schriftsteller. Er gilt als der bedeutendste Pädagoge der Sowjetunion. Ab 1935 war Makarenko stellvertretender Verwaltungsleiter der Arbeitskolonien des NKWD Kiew.

Sie trieben (und treiben) überall ihr Unwesen – wie im Osten, so im Westen ….

Uns erinnern diese Vorgänge auch an die Erziehungseinrichtungen für die Kinder der indigenen Bevölkerung Amerikas (Indianer). Die auch in solchen „christlichen“ Anstalten „betreut“ wurden.., oder besser gesagt „umerzogen“.


Eure Kommentare:

Es wird Zeit den Amtskirchen jegliche Finanzierung zu entziehen und deren Sozialeinrichtungen an freie Träger zu übertragen.

Ich kann nur jedem empfehlen sich einmal den ehemaligen Jugendwerkhof in Torgau, der heute eine Gedenkstätte ist, anzuschauen. Die Zellen dort, die Berichte der inhaftierten Kinder und Jugendlichen, die „Gründe“ für die Inhaftierungen sind einfach erschütternd.

Was die Kirche alles im „Namen der Liebe“ gemacht hat….

Es gibt ein Evangelisches Kinderheim Küpperstift Köln-Riehl. Ich war dort für 10 jahre. Sexuelle übergriffe waren an der Tagesordnung. 15 jährige wurden schwanger. Fast alle wurden misbraucht.

Es ist so schlimm, und ich denke, dass den Kinder auch nicht geglaubt wurde. Die Kirche macht doch nichts Böses …


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