
Wenn man sich näher mit den Vorgängen unserer deutschen Geschichte befasst, also den „Dingen“ dazu auf den Grund geht, wähnt man sich oft wie in einer Kriminalgeschichte mit hohem Gruselfaktor, nur das es sich leider genauso zugetragen hat.
Ein Beitrag zur Ergänzung an das Gedenken von Rudolf Hess:
Nürnberger Militärtribunal, am 7. März 1946: Beantragt war die Vernehmung von Prof. Haushofer als Zeuge der Verteidigung – ein Umstand, der die Briten in helle Aufregung versetzt haben muss.
Sein persönliches Wissen und auch die Tagebücher waren HAUSHOFER (1869-1946) verblieben;
dies sollte ihn sein Leben kosten.
Dr. SEEDL, vor dem Nürnberger Militärtribunal Verteidiger von Rudolf HESS und Hans FRANK und späterer Justizminister des Freistaats Bayern, beantragte die Vernehmung von Prof.
HAUSHOFER als Zeuge der Verteidigung und konnte dies in der Nachmittagssitzung
des Gerichtshofes am 7. März 1946 auch durchsetzen. Dieser Umstand muss die Briten in helle Aufregung versetzt haben. Ivone KIRKPATRICK, ein hoher Beamter des Foreign Office, des britischen Außenministeriums, und späterer Hochkommissar für Deutschland, schickte am 10. März 1946 zwei Beamte des britischen Geheimdienstes unangemeldet und inkognito in die amerikanische Zone, um den Entlastungszeugen für Rudolf HESS vorab zu vernehmen und gegebenenfalls notwendig erscheinende Schritte zu unternehmen.
Die beiden Briten waren die letzten, die HAUSHOFER und seine Frau auf dem einsamen Anwesen (der Hartschimmelhof in der Nähe des Ammersees) lebendig gesehen haben.

Zwei Tage später berichteten sie auftragsgemäß in einem Memorandum, abgeschickt aus der Schweiz, ihrem Auftraggeber KIRKPATRICK, HAUSHOFER habe nichts weiter über das in Frage stehende Thema gewusst: »Als Antwort auf unsere Instruktionen teilen wir Ihnen mit, dass das Problem, das mit
diesem Mann und dem IMT [dem Internationalen Militärtribunal] zusammenhängt, aus dem Weg geräumt wurde.
Am selben Tag, dem 12. März, fand der zweite Sohn der HAUSHOFERS, Heinz, seine Eltern in etwa einem Kilometer Entfernung vom Wohnhaus an einem kleinen Bachlauf in einem Waldstück des weitläufigen Anwesens; seine Mutter Martha hing an einem Baum, neben ihr der Vater, zusammengekrümmt am Boden liegend. In den Wirren der frühen Nachkriegszeit konnten

keine kriminologischen und forensischen Untersuchungen durchgeführt werden, schon gar nicht, wenn der Verdacht sich gegen die Besatzungsmächte gerichtet hätte. Später wurde festgestellt, dass der Tod von Karl HAUSHOFER durch Zyankali herbeigeführt worden war.
Ungeachtet der zahlreichen Ungereimtheiten, wie die Abschiedsbriefe Haushofers ohne Datum, oder die Verwendung von mindestens drei verschiedenen Federn und mehrerer Tintensorten und vielen weiteren mehr:
Selbst wenn HAUSHOFER suizidaleAbsichten gehegt hätte oder vielleicht sogar gerade, weil er sich mit diesen trug, hätte der von zwei Kriegen und den Schicksalsschlägen des Lebens geprägte Mann sicherlich noch einige Tage mit dem Selbstmord gewartet, um seinem Freund HESS, dem in Nürnberg die Todesstrafe drohte, als Entlastungszeuge mit seinem Wissen um die wahren Hintergründe und Motive des Englandfluges beizustehen.
Obwohl Martin ALLEN in seinem Buch „Churchills Friedensfalle“ quellengestützt nachweisen konnte, dass der britische Geheimdienst »das Problem HAUSHOFER« mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit durch Mord »aus dem Weg geräumt hatte«, beharrte man in der deutschen Forschung auf der Selbstmordversion.
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Infotafel:
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war der Generalmajor a. D. der bayerischen Armee und Professor an der Münchener Maximilians-Universität Dr. Karl HAUSHOFER eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Im Januar 1924 hatte er die erste Nummer seiner Zeitschrift für Geopolitik herausgegeben, und als väterlicher Freund und akademischer Lehrer des damals jungen und unbekannten Rudolf HESS hatte er auf dessen intellektuelle Entwicklung beträchtlichen Einfluss gehabt. Weltgeschichtliche Bedeutung erlangte er im Zusammenhang mit dem Englandflug
von Rudolf HESS am 10. Mai 1941.
Den Beitrag zum Gedenken an Rudolf Hess findet ihr im Kommentar und auch ein Video dazu.

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H.M., »Rückkehr der >Geopolitik<.Vor 80 Jahren erschien erstmals Karl Haushofers >Geopolitik<« in: Deutsche Geschichte, Europa und die Welt, 15. Jg., Nr. 69, Februar 2004,
S. 57 f.
Memorandum an Ivone KIRKPATRICK vom 12. 3. 1946, FO 371/60508, National Archive Kew,
London. Abgedruckt in: Martin ALLEN, Churchills Friedensfalle. Das Geheimnis des Heß- Fluges 1941, Druffel Stegen 2003, S. 21.
Als Dokument abgedruckt im Bonusteil und Hauptfilm von Olaf ROSE und Michael VOGT, Geheimakte Heß. Geschichte und Hintergründe der gescheiterten deutschenglischen Friedensverhandlungen, 2004.
