Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben,

bleibt im Dunkel unerfahren, mag von Tag zu Tag leben.“

(Goethe aus: West-östlicher Divan 1819)

Auf den Spuren der Fälscher

Bevor ich gleich noch ein paar Gedanken von mir, zur bevorstehenden Sommersonnenwende mit euch teilen werde, plaudere ich noch ein wenig aus längst vergangenen und oft vergessenen Zeiten, von Vorgängen, an die wir uns, ginge es nach dem Willen eines Syndikats, möglichst nicht erinnern sollen. Doch dank einzelner Bruchstücke aus den Überlieferungen heraus, gelingt es, uns erinnern zu können. Es sind diese Krümel, von denen ich gestern schrieb, die so manch einer lieber vergraben wüsste.

Die germanischen Völker, als sie Heiden waren, kannten nicht diesen „einen Teufel“, der nach der Christianisierung das in Alleinstellung „Böse“ verkörpern soll. Sie wussten aber um Dämonen, und um die Bedrohung, die von ihnen ausging. Es waren eben diese Wesen mit dem schlechten Charakter.

Sie kannten nicht diesen einen Gott, sondern folgten all dem Göttlichen aus der Natur und sie gaben ihren Göttern Namen. So den gehörnten Gott Pan als Fruchtbarkeitsgott. Er wird meist als faszinierendes Mischwesen mit menschlichem Oberkörper sowie den Beinen, Hörnern und dem Bart eines Ziegenbocks dargestellt. Er war der Hirtengott der wilden Natur, Wälder und Herden.

Der gehörnte Moses wird den Heiden daher zunächst ganz vertraut erschienen sein, aber eben nur unter der Voraussetzung, dass erst im 14. bis 16. Jahrhundert das uns heute bekannte Christentum sich durchsetzen konnte. Später wurde aus dem gehörnten Pan dann der gehörnte Teufel, der mit Hexen sündigen Umgang pflegte.

Das Andenken der Heiden wurde von den Priesterschaften des religiösen Wahns völlig ausgelöscht.

Die Religion der Heiden war sinnstiftend und sinnvoll, man feierte den kürzesten und den längsten Tag des Jahres.

Der Geburt des Johannes zu gedenken, weil davon in der Heiligen Schrift die Rede war, raubte der Feier den tieferen Sinn. Die Heiden hatten den Kindern unter dem Feuer die Jahreszeiten erklärt.

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An dieser Stelle komme ich wieder auf die „Fälschung der Geschichte“ zurück.

Interessant dazu ist eine kurze Skizze über die Erfindung des Christentums im 14.-16. Jahrhunderts, entdeckt über eine Vorrede aus dem Buch „Prolegomena zu einer Kritik der antiken Schriften: Nach der Handschrift des Verfassers“…

Darin behauptet der Jesuit Jean Hardouin (1646-1729), dass es vor dem Jahr 1300 kaum echte Schriften gab. Die Schriften der alten Kirchenväter seien spätere Fälschungen, die in frühe Jahrhunderte zurückdatiert wurden und deren Verfasser meist noch in Gebieten wie Nordafrika gelebt haben sollten, die inzwischen vom Islam erobert waren, so dass der Phantasie keine Grenzen gesetzt waren.

Der mit der Geschichte Englands sehr vertraute Edwin Johnson (1842-1901) folgte den Argumenten von Hardouin und konnte für Englands Geschichte nachweisen, dass es tatsächlich vor der Zeit Heinrichs VIII. kaum sichere Quellen gab und dafür viele offensichtlich später geschaffenen Werke aufgetaucht waren, deren Echtheit bezweifelt werden müsse, weil frühere Zeitgenossen und Gelehrte nichts von diesen Werken oder Geschehnissen wussten.

Seine Fälschungshypothese löste eine Welle der Kritik und Empörung aus, die seine wissenschaftliche Reputation nachhaltig beschädigte und bis heute nachwirkt. Die einzige bisher verfügbare Übersetzung dieses lateinischen Textes war eine englische, die noch aus dem Jahr 1909 stammte.

Edwin Johnson hat Jean Hardouin übersetzt und selbst wichtige Bücher zu dem Thema verfasst, deren letztes über die Erfindung der Geschichte Englands die überzeugendste Beweisführung zu unserer These liefert. Eine wichtige Quelle für Edwin Johnson hinsichtlich der in den Klöstern und an anderen Orten verfügbaren Literatur und sonstigen Schriftquellen war John Leland.

Dieser John Leland (1503-1552) durchstreifte Englands Klöster, Kirchen, Schulen, Schlösser, Städte und Dörfer während der Jahre 1533 bis 1539 auf der Suche nach Schriften. Er fand fast nichts.

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Infotafel zu Jean Hardouin

Der Jesuit Jean Hardouin (1646-1729) war Bibliothekar am Jesuiten-Kolleg unter Ludwig XIV. in Paris. Er leitete die vom König finanzierte Herausgabe der alten Konzilsakten in einem zwölfbändigen Werk Conciliorum collectio regia maxima (1715). Wenn irgend jemand die Quellenlage kennen musste, dann Hardouin.

In seinem erst 1766 publizierten Werk Prolegomena erklärte er sämtliche Schriften der Alten Kirchenväter zu Fälschungen, ebenso die Septuaginta und fast alle anderen alten Werke – mit wenigen Ausnahmen wie der Vulgata, er musste diese Ausnahmen wohl aus Vorsicht einräumen. Wenn wir augenzwinkernd die nach Hardouin wenigen angeblich echten Schriften wie alle anderen Schriften behandeln, hätte es vor dem Jahr 1300 keine Bücher gegeben und alle vor dieses Jahr datierten Werke sind Fälschungen aus späterer Zeit, vor allem seit der Erfindung des Buchdrucks.

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Noch ein paar Gedanken dazu:

Hardouin war nicht nur zeitlich näher an der Fälschergenossenschaft, sondern er hat im Gegensatz zu den heutigen Pseudowissenschaftlern auf den deutschen Lehrstühlen die vermeintlich griechischen und lateinischen Originalschriften gesehen und geprüft. Trotz seiner streng orthodox katholischen Überzeugungen sind seine Analysen zwingend.

Es stellen sich Fragen: Warum gibt es kaum antike griechische Schriften in Osteuropa, aber massenweise in Westeuropa? Warum wurden die antiken Schriften vor 1300 von niemandem zitiert? Warum hatten selbst hochrangige Kirchenfürsten bis zu diesem Datum keine Bücher der antiken Heroen und Kirchenväter in ihrem Besitz? Wie kann es sein, dass sich das Latein und Griechisch über viele Jahrhunderte und an ganz verschiedenen Orten glich, wie ein Ei dem anderen?

Von alten Pergamenten und alten Tinten ließ sich Jean Hardouin, der ein Leben lang an der Quelle historischer Schriften saß, nicht täuschen. Und er wusste auch, dass es mit angeblich authentischen Begebenheiten nicht weit her war, wenn es keine überlieferten Münzen gab…

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Gestern erst, haben wir kurz über die Schriften des Forschers Wilhelm Kammeier zur „Fälschung der Geschichte“ .gelesen

In seinem Werk “Die Wahrheit der Geschichte des Spätmittelalters“ (archive.org) zeigt der Geschichtsforscher Kammeier überzeugend, dass es vor dem 14. Jahrhundert keine Universalkirche gegeben haben kann. In Frankreich begann, gestützt vor allem auf die Pariser Universität, die Schaffung einer französischen Staatskirche, die zunächst ihre Zentrale in Avignon fand. Der Papstpalast von Avignon wirkt allerdings noch wenig christlich, sondern eher wie eine Ordensburg, was uns nicht überraschen muss.

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Quelle

Meyers Konversationslexikon 1896 Religion/Mission

Wolfgang Waldner – Die Erfindung des Christentums


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