Von Vermögen, Vergesellschaftung, Verordnung, Verschreibung, Vertreibung,
für, fort, fern…
(Unmiss) ver -ständlich: Das Vergesellschaftungsgesetz – vom Staate ver- ordnet und bald ver -abschiedet unter dem Mäntelchen des Volksentscheids

„Wir reden hier nicht von Enteignungen“, sagte Stettner bei der Vorstellung des Kompromisses am Sonntag im Abgeordnetenhaus. Es gehe darum, dass der Staat eingreifen könne, „wenn es offensichtliche, manipulative Fehlentwicklungen gibt“.
Nun, die Vorsilbe „ver-“ zeigt die „Richtung“ an und die ist in vielen Fällen mit einer negativen Begleitvorstellung verbunden, deutet auf einen Fehler oder eine Veränderung hin.
„ver“ – die Vorsilbe, die bestimmt, dass eine starke, schwer rückgängig zu machende Änderung auf den körperlichen oder seelischen Zustand von jemandem oder etwas .einen starken Einfluss ausübt.
Einige dieser Facetten sind mit Bedeutungen dreier gotischer Varianten des ursprünglichen „per“ in Verbindung zu bringen. Gotisch gab es die Vorsilben „faír = heraus“, „faúr = vor, vorbei“ und „fra = weg“. Wenn man genau hinhört, stellt man fest, dass es sich beim gemeinsamen Nenner dieser Drei im weitesten Sinne um Variationen des Themas der Verwandlung bzw. der Veränderung handelt. Da stellt sich etwas heraus. Da geht etwas vorbei. Da ist etwas weg, was es früher einmal gab. Auf alle Fälle ist jetzt irgend etwas anders, als es bisher war.
Achja, bevor ich mich hier vollständig in der Bedeutung der Vorsilbe „ver“ verliere, komme ich zurück auf den Inhalt des angedachten Gesetzes der Vergesellschaftung im Rahmen der Ver-staatlichung vom vergangenen Wochenende (23.6.2025).
Laut der staatlichen Kontrolleure soll das Gesetz Grundsätze für eine angemessene Entschädigung festlegen, daneben Indikatoren, wann Vergesellschaftungen in den Geschäftsfeldern der Daseinsvorsorge wie etwa bei der Wasser- oder Energieversorgung oder im Bereich Wohnen angebracht sind.
Demnach soll eine Vergesellschaftung möglich werden, wenn Unternehmen gesetzliche Regeln dauerhaft missachten und lange Zeit zu wenig investieren, zugleich aber Gewinne aus dem Unternehmen für die Rendite der Eigentümer abgezogen werden..
Kurz: Wenn Unternehmen zu wenig investieren oder nicht klimaneutral werden, will der Berliner Senat sie verstaatlichen können. Darauf haben sich CDU und SPD am Wochenende geeinigt.
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Zurück zur Vorsilbe „ver“
Diese Vorsilbe lässt sich etymologisch (selbst mit Zuhilfenahme der Volksetymologie) nicht so einfach erklären wie die Vorsilbe er-. Man hat versucht, sie mit zweien oder dreien verschiedendeutigen gotischen oder sogenannten indogermanischen Wurzeln in Verbindung zu bringen.
Für unser Sprachgefühl bedeutet es jedoch, einerlei ob es da mit dem gotischen fra- identisch ist oder nicht, die Gegenrichtung von er-, das Verschwinden oder das Zugrundegehen, das Beseitigen oder Zugrunderichten, und zwar ebenfalls mit dem Erfolge, dass der Hörende diese Empfindung schon gewinnt, sobald nur die Vorsilbe ausgesprochen worden ist. „Es ist ver …“ erzeugt sofort die Erwartung, dass etwas verschwunden oder verloren sei, und das folgende Stammwort gibt nur noch die nähere Art des Verschwindens oder Verlierens an.
Wieder gibt es kaum ein Verbum, das nicht sprachgebräuchlich oder scherzhaft mit ver- zusammengesetzt werden könnte, und die Grundanschauung ist dabei immer eine Bewegung vom Sprechenden hinweg, eben ein Verlust. Man kann sein Vermögen, seine Gesundheit, seinen Verstand verfressen und vertrinken, verbuhlen und verspielen; man kann das alles verjubeln, man kann (hier ist der Sprachgebrauch etwas enger) seine Jugend, sein Leben vertrauern, das heißt durch Gebrauchsmangel verlieren. „Sie verjammert und verbetet ihr Leben“ (Goethe).
Aus der Wahrnehmung des Sprechenden hinweg, in weiterer Metapher aus der Absicht des Sprechenden hinweg führen Zusammensetzungen wie: verlegen, verkramen, verfitzen, verbauen, verzeichnen, verziehen usw. usw. Ganz körperlich wird die räumliche Entfernung ausgedrückt in: verjagen, vertreiben, versenden, verschleppen usw.
Sehr häufig liegt etwas Verachtung in den Zusammensetzungen mit ver-; so hieß veralten früher (bei Luther, aber auch noch vor hundert Jahren) nicht mehr als alt werden; jetzt heißt es durch Alter unbrauchbar werden, besonders aus der Mode kommen. Luther und Goethe konnten noch von veralteten Wurzeln, von einem veralteten Baume reden; heute sagt man höchstens noch, die Tulpe sei eine veraltete Blume oder sie sei wieder in die Mode gekommen. Man vergleiche dazu die Artikel er- und ver- in Hermann Pauls „Deutschem Wörterbuch“ (2. Aufl.).
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Quelle: „Die Vorsilbe ver- und ihre Geschichte: Leopold Max, 1881 M. & H. Marcus (1907)


























